Gemeinde – Organismus oder Organisation?

Da ich gerade viel unterwegs oder einfach damit beschäftigt bin, das Ende meiner Elternzeit zu genießen, komme ich derzeit nicht so oft dazu, meine Gedanken in Beiträge zu gießen.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen Artikel teilen, den ich vor ein paar Monaten für die Korrekte Bande geschrieben habe.

Er handelt von unserer Vorstellung darüber, was Kirche bzw. Gemeinde ist, und dass unser Bild davon, wie das so auszusehen und zu funktionieren hat, stark von Prägungen beeinflusst wurden, die so überhaupt nicht von Jeshua kommen, der vom Reich Gottes gesprochen hat…

Wir können heute nicht exakt rekonstruieren, wie Jeshua sich das vorgestellt hat- die Sache mit Petrus, dem Stein, der Gemeinde (so er dieses Wort überhaupt ursprünglich benutzt hat, dazu gibt es verschiedene Ansichten).

Wir können allerdings eine breitere Palette erstellen dessen, wie es noch aussehen könnte, heute hier und jetzt etwas mitzugestalten, was das Geheimnis des unerschöpflichen Lebens weiter lebendig erhält und teilt- und so zu einem gesellschaftlichen Gegenentwurf wird (ja, auch und gerade zur religiösen Landschaft!), der eine liebende Schöpfer:innenkraft bezeugt, die Gefangenen befreit und zum Segen für alle Menschen wird.

Und ja, wir dürfen auch historisch sehr verfestigte Strukturen hinterfragen, hallelujah. Wir müssen es sogar unbedingt, wenn wir Machtsysteme überwinden wollen, welche im Zusammenhang mit fragwürdigen theologischen Inhalten an den Bedürfnissen von Menschen vorbeiagieren und eher als Normierungsinstitutionen denn als Zellen für kreativen und liebevollen Widerstand fungieren. Lasst uns Kirche und Gemeinde vor diesem Hintergrund reflektieren.

Ich möchte andere Formen von Segenskreisläufen erkunden und mitgestalten. Welche die nicht so sehr mit festen exklusiven kirchlichen Organisationen, die sich in ihren kirchlichen Räumen treffen um kirchliche Veranstaltungen abzuhalten, zu tun haben.

Sondern die ganz anders aussehen und viel gestaltbarer sind für das große liebevolle Schöpferische.

Ich möchte Prägungen, die mich von der Welt wegziehen, anstatt zu ihr hin, abschütteln wie Staub, und weitergehen und die Wege hinter offenen Türen von Orten und Personen des Friedens erkunden und dort die heilige Geistkraft treffen, die längst da ist und uns einander vorstellt.

Hast du auch Lust darauf?

Hast du auch schon entdeckt, wie solche Segensnetzwerke entstehen können, ganz abseits von in großem Stil durchorganisiertem Gemeindebau, und wie die trotzdem (oder gerade deshalb) so richtig doll nach einem Reich der Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit riechen? Ich freu mich davon zu hören. 🙂

Und nun noch der Artikel zum Nachlesen:

Gemeinde ist das, was wir nicht in der Hand haben (2/2020)

Veröffentlicht am

Hand auf’s Herz: Wenn du das Wort „Gemeinde“ oder vielleicht auch „Kirche“ hörst, an was denkst du? Mir fiel in den letzten Jahren auf, dass es ein relativ starres Bild von Gemeinde gibt, das sich selbst in Freakskreisen sehr vehement durchgesetzt hat und immer wieder hartnäckig reproduziert wird. Selbst von denen, die ahnen, dass das vielleicht gar nicht der einzige Weg ist, die Sache mit Jesus zu verstehen und fortzuführen. Gleichzeitig bleiben aufgrund fehlender Alternativen immer mehr Menschen nicht nur den Christ:innen, sondern auch dem Glauben fern. Höchste Zeit, sich die Sache einmal genauer anzuschauen.

Die klassische Gemeinde ist ziemlich statisch

Das Bild, welches gewohntermaßen beim Begriff „Gemeinde“ auftaucht, ist die Vorstellung von einer abgegrenzten Organisation aus Christ:innen, mit regelmäßigen Gottesdienst-Veranstaltungen (meist mit überwiegend frontalem Programm) and klaren (zeitlichen und örtlichen) Treffpunkten. Ob es eine stark verbindliche Zugehörigkeit gibt, wird dabei verschieden gehandhabt. Es gibt Programme, geregelte Abläufe und Angebote, die von manchen mitgestaltet und von anderen konsumiert werden. Einige fühlen sich in solch einer Organisation gut aufgehoben und machen bereichernde Glaubenserfahrungen. Manche wissen es zu schätzen, dass sie einfach nur hinkommen und da sein können. Das ist eine Gemeinde, die du klar benennen kannst, wenn dich jemand fragt, „in welche Gemeinde du gehst.“

Alternative Organisationen – still haven’t found what I’m looking for

Manche Menschen haben sich abgewandelten Formen zugewandt und betrachten z.B. einen Hauskreis, eine Lebensgemeinschaft oder ein Begegnungscafé als etwas Gemeindeähnliches. Auch diese Strukturen bedürfen einer geregelten Organisation und eines gewissen Grads an Verbindlichkeit von Mitgliedern, um zu funktionieren. Auch dort können in Gemeinschaft Lieder gesungen, Gebete gesprochen, geistliche Impulse geteilt, die Schrift ausgelegt oder Glaubensschritte eingeübt werden.

Umso erstaunlicher war es für mich immer wieder zu hören, dass viele dieser Gruppen sich sehr schwer tun, sich als vollwertige Gemeinde zu bezeichnen aufgrund fehlender öffentlicher Gottesdienst-Veranstaltungen. Und vielleicht auch, weil der feste Kern doch eine relativ exklusiv funktionierende Gruppe ist. Abhilfe geschieht dann nur selten dadurch, an der eigenen Gemeinde-Identität anzusetzen, sondern vielmehr wird das eigene Projekt durch punktuelle Besuche einer „richtigen“ Gemeinde ergänzt. (So besuchen manche z.B. Programme für Kinder oder zu Weihnachten mal einen „richtigen“ Gottesdienst, wie mensch ihn klassischerweise kennt.) Mich beschäftigt diese Beobachtung sehr, weil sie zeigt, dass das klassische Gottesdienstbild sehr wirkmächtig ist, durch welches oft ein Minderwertigkeitsempfinden herrscht, obwohl doch ein öffentliches Programm nicht das Kriterium dafür sein sollte, ob eine Gemeinschaft jesusmäßig unterwegs ist oder nicht.

Stell dir vor, es ist Gemeinde und niemand geht hin

Aus diesem Grunde – dass ein Programm nicht maßgeblich sein sollte – pflegen manche einfach nur noch einen christlichen Freundeskreis und erhoffen sich, dass dieses Netzwerk als Gemeinde-Ersatz taugt. Erstmal ein lohnenswerter Ansatz – so kann auch gut der burnoutprädestinierten Maschinerie entkommen werden, zu dem eine Gemeinde mit vielen Mitgliedern dann doch schnell mal werden kann.

Doch auf der anderen Seite vom Pferd wartet auch ein bisschen Potential, sich etwas vorzumachen: So eine Gemeinschaft bietet zwar theoretisch die Möglichkeit, dass jederzeit über Glaubensthemen gesprochen und auch mal gebetet werden kann. In der Realität taucht aber die Frage auf, inwiefern sich die Freundschaften doch auch ganz gut selbst genügen, sodass es irgendwann eigentlich nur noch darum geht, eine nette Zeit in einer kleinen homogenen Gruppe miteinander zu haben, zu grillen oder zu brunchen. Spirituell kann solch eine Gemeinschaft irgendwann eher einem stehenden Gewässer ähneln anstatt einem sprudelnden Bach. Inwiefern anders tickende oder am Rand stehende Menschen etwas von der gemütlichen Runde haben und inwiefern Glaube dadurch frisch und fruchtig bleibt und ein Verb statt Überzeugungen, ist dann so eine Sache … und ja, dann ist die Frage auch berechtigt, inwiefern das Ganze tatsächlich das abbildet, was Gemeinde eigentlich soll, nämlich Jesus. Ergänzende Online-Impulse wie theologische Vorträge, kreative Aktionen oder Festivals hinterlassen dennoch oft den Gedanken, dass derlei über’s Jahr verteilte Glaubens- Puzzeleien doch kein Ersatz für eine „richtige“ Gemeinde sind … aber die will mensch doch auch gar nicht mehr. Aber was denn dann? Und was will eigentlich Jesus? 

Ist da noch mehr?

Natürlich können je nach Mensch und Lebensphase verschiedene dieser Strukturen hilfreich und wichtig sein – sich verbindlich in eine kirchliche Gruppe einbringen wie auch eine andere Art von Projekt auf die Beine stellen. Oder eben auf Abstand zu gehen mit Formen, die der eigenen Lebens- und Glaubensrealität gar nicht mehr entsprechen und sich erstmal auf Gemeinschaft zu besinnen.

Es geht gar nicht darum, bestimmte Konzepte an sich nicht mehr zu billigen. Jedoch ist es sehr bezeichnend, dass in der Art, ob und wie Gemeinden konstruiert werden, immer wieder nur eine Definition von Gemeinde sich wirklich durchzusetzen scheint.Absurd ist das Ganze deswegen, weil Jesus uns nie dazu aufgefordert hat, Gemeinden nach dieser Definition zu gründen und am Leben zu halten.

Sitzgemeinschaften statt Laufbegegnungen

Das Bild von einer Kirche, in die man gehen kann und in der geregelte Gottesdienste stattfinden, in die man „sich reinsetzen“ und die man „verlassen“ kann, beruht auf Interpretationen, die sich durchgesetzt haben und zu bestimmten Konzepten und Institutionalisierungen führten.

Schon Petrus und Paulus haben bestimmte Aspekte des Gemeindelebens entworfen und geprägt, die nicht von Jesus selbst vorgegeben worden sind. Diese von ihnen für eine bestimmte Gegend und Zeit angefertigten Skizzierungen, das Ausprobieren und Anwenden werden zudem ausschließlich auf Organisationen bezogen gelesen. Weil wir Kirche nur so kennengelernt haben, weil es sprachlich und habituell unhinterfragt weitergegeben und reproduziert wurde. Dabei gäbe es vielfältige Möglichkeiten, „Weide meine Schafe“ (Johannes 21,15-19) oder „Sie blieben beständig in dem, was sie gelernt haben; und in Gemeinschaft“ (Apostelgeschichte 2,42) anders umzusetzen, als eine religiöse Institution aufzubauen und zu verwalten.

Nach den Aposteln wurden verschiedenste Sachverhalte von prägenden Personen miteinander diskutiert und dann in einer bestimmten Richtung festgelegt, sodass sich auch die Vorstellung verfestigte, dass zur Nachfolge eine Religion namens Christentum gehört und Kirche eine feste Ansammlung von Christen in einem Gebäude ist, in dem Gottesdienste stattfinden, wo wenige vielen wöchentlich etwas beibringen.

Nun ist es vielleicht ein alter Hut, dass alle Menschen, die Gottes Liebe für sich entdeckt haben, die weltweite Kirche darstellen und „unser ganzes Leben ein Gottesdienst sei“ (Römer 12,1-2). Warum verhalten sich denn dann aber die allermeisten Christ:innen nicht so? Sondern bestehen darauf, weiterhin ein anderes, vielleicht von Anfang an völlig missverstandenes Bild von Kirche(n) aufrecht zu halten?

Kann Gemeinde nur ohne Gemeinden funktionieren?

Wie könnten andere Bilder von Gemeinde aussehen – könnte sie auch ganz anders funktionieren?

Für mich ist eine Aussage von Jesus erneut wichtig geworden, nämlich die: Nicht wir werden Gemeinde(n) bauen (also weder gründen, noch am Laufen halten, noch organisieren!), sondern er wird bauen (Matthäus 16,18). Oder genauer gesagt, sie – die heilige Geistkraft, die ihn abgelöst hat (Johannes 14-16).

Klingt vielleicht erstmal abgehoben – könnte aber vielleicht das einzige sein, was z.B. in diesen und künftigen Zeiten mit extrem hoher Fluktuation, Flexibilität, Diversität und Ambiguität der Lebendigkeit Gottes in menschlichen Gemeinschaften einen angemessenen Platz einräumen kann:

Da, wo z.B. verschiedene Gottesbilder im Raum sind, passt es vielleicht nicht mehr, nur ein einziges zu predigen, zu fördern und zu besingen und für die immer gleichen Menschen alles mögliche vorzugeben – wie könnte Gemeinschaft aussehen, die das anders handhabt? Und lässt sich sowas überhaupt in fest umgrenzten Organisationen umsetzen?

Da, wo die Geistkraft auch durch Kinder spricht, durch Unmündige, Ungebildete, Andersgläubige sprechen möchte – wie können wir Lehre (also Bildung in spirituellen Dingen) auf anderem Wege verstehen und erwarten als nur durch eine frontale Predigt von dafür ausgewählten und vorbereiteten Menschen?

Und was, wenn Jesus gerade nicht an den von uns vorgesehenen Treffpunkten zur von uns vorgegebenen Zeit durch unser vorbereitetes Programm handeln will – sind wir dafür überhaupt offen? Inwiefern können sich Programme und Gruppen auf so etwas überhaupt einlassen, wo sie vielleicht Klarheit, Vertrautheit und Beständigkeit bieten möchten?

Was, wenn Jesus nicht mal wollte, dass Menschen Christ:innen werden und ein Christentum praktizieren (also bloß eine weitere Religion, die dann aber „die richtige“ ist)? Was wenn wir uns einfach mit allen Menschen an einen Tisch setzen, uns einladen lassen, ihnen heilsam begegnen sollen, Glaubenssätze unserer eigenen Prägung hinterfragen und uns sogar von Menschen, die etwas anderes glauben als wir unsere eigene Sicht korrigieren lassen sollen? All das sind Dinge, die Jesus getan hat.

Was ist, wenn Gemeinde nicht deckungsgleich ist mit der Gruppe, mit der du dich jeden Sonntag triffst, und auch nicht mit deinem Hauskreis oder deiner Freundesrunde, sondern alle Menschen, mit denen du gerade in Kontakt bist, von denen du merkst, dass Gott sie dir in dein aktuelles Leben (oder dich ihnen) schickt und die dir irgendwie ans Herz wachsen? Was ist, wenn das gar nicht alles Christ:innen sind? (Und die das auch gar nicht werden müssen, weil Gott für alle Menschen gleichermaßen da ist?)

Ist es nicht solch eine Gemeinschaft, die den Namen „Gemeinde von Jesus“ erst so richtig verdient hat?

Und ja, dann ist es nebensächlich, ob du aktuell eine feste Gruppe mit Programmen besuchst und dort mitarbeitest, ob du eine andere Art von Gemeinschaft oder Projekt mitbetreibst oder ob du dich einfach mit Freund:innen triffst. Aber gleichzeitig ist dann auf einmal klar, dass all das nicht „Gemeinde“ ist und vielleicht ist es gut, wenn wir anders darüber zu sprechen beginnen.

Gemeinde ist das, was wir nicht in der Hand haben

Dann endlich darf Gemeinde das sein, was die kreative Geistin, die weht, wo sie will, gerade mit allen möglichen Lebewesen vorhat. Und das kann verrücktere und heilsamere Verbindungen und Ereignisse zustande bringen, als wir es mit unseren begrenzten Vorstellungen von Gemeinde je könnten. (Denn sobald wir diese auf etwas festlegen, kann Gott ja kaum noch dran rütteln, oder?)

Es können sich dann auch völlig unabhängig von bestehenden festen Gruppen fluide und flexible und nicht an Zeit und Raum gebundene Netzwerke bilden (und auch schnell mal ändern), die unsere größte Verbindlichkeit und Hingabe, unser bestes Organisationstalent und unsere kompetentesten Modelle für Gemeinde weit in den Schatten stellen.

Dann wäre es wieder authentisch zu sagen: God is in control (and she never makes mistakes?).

Das hieße auch Kontrolle abzugeben, indem wir eben nicht mehr von „Gemeinden“ sprechen und damit klar geregelte lenkbare christliche Organisationen mit Programmen meinen. Und dazu würde auch gehören, dass nicht wir beschreiben, wer zu welcher „Gemeinde“ gehört. Sondern dass wir das Gott entscheiden lassen, irgendwann mal zu beurteilen oder auch nicht.

Im Fokus steht dann stattdessen, dass die sich manifestierende Liebe Gottes sich unabhängig von religiösen Systemen auf alle (!) Menschen dieser Welt zubewegt und ihnen da heilsam und offen und ressourcenteilend begegnet, wo sich ihr Leben abspielt. Durch alle Menschen, die sich daran beteiligen. Und dass dabei unendlich viele ineinander verschränkte Netzwerke entstehen, sich verändern, nicht greifbar oder etikettierbar sind, aber trotzdem Halt geben und helfen, die Liebe untereinander zu erhalten.

Ein Traum von Gemeinde, die ganz anders ist als das, was gemeinhin als Gemeinde bezeichnet wird

Ich träume davon, dass in Zukunft mehr Platz ist für weiter gefasste Vorstellungen von Gemeinde. Und dazu wird gehören, dass wir den Begriff auch sprachlich anders verwenden. Ich bin überzeugt, dass darin ein großer Schatz liegt – gerade für gemeinde-müde Menschen. Und für Menschen, die (aus verständlichen Gründen) keinen Bock mehr auf Christentum haben, aber eigentlich das, was wir als von Gott kommend bezeichnen, auch gut finden und sich danach sehnen – ein versöhntes, liebevolles, erfülltes und friedfertiges Leben.

Ob ich „derzeit eine Gemeinde habe“? Fragen wie diese erübrigen sich mit dieser Perspektive, ja, sie machen überhaupt keinen Sinn mehr und sind sogar irreführend, weil sie komplexere Verbindungen nicht abbilden und wieder nur auf Organisationen mit Veranstaltungen abzielen, als seien diese ein selbstständiger Organismus. Sie sind es nicht.

Inwiefern in meinen sozialen Kontakten göttliche Inspiration sichtbar wird und an mir und anderen handelt und wirkt? Eine weitaus sinnvollere Frage. Und das hängt ganz allein davon ab, was seine kreative Kraft tut und ob ich sie erwarte und mich dafür öffne, auch außerhalb der planbaren Rahmungen. Und ich muss das nicht erst in einen Gottesdienst tragen, damit es wirkt und andere erreicht. 

Wir alle dürfen selbstständig und mündig als Priester:innen leben und uns bewegen. Wir dürfen uns verbindlich einbringen und Gott wird um jede:n von uns herum einen lebendigen Organismus manifestieren. Wow!

Gottes Gemeinde ist überall und nirgendwo, in dieser Welt verstreut und jeder Tag ist wieder ein Abenteuer mit dem Göttlichen, das so groß und differenziert und komplex funktioniert, dass keine Gruppe von Christ:innen es jemals definieren und verwalten könnte. Und gleichzeitig kann es in jeder Art von noch so bescheidener popeliger zwischenmenschlicher Zusammenkunft die vollste Auferstehungskraft zelebrieren. Wie geil ist das denn, hallelujah. Darin entdecke ich das Leben von Jesus wieder.  Das ist, wie ich Gemeinde verstehen will, wie ich Gott Gemeinde bauen lassen möchte- lasst sie uns nicht festhalten, wenn sie morgen weiter wehen will, als wir es heute rahmen können.


Sylvi Kegel (30) lebt mit Kind, Kegel und Katzen in Leipzig und schreibt seit kurzem über Glaubensveränderungen auf abseits.blog.

Die drei Brunnen III – sich mit der kreativen Quelle verbinden (Let it flow!)

Die Autorin Julia Cameron beschreibt in ihrem großartigen Buch „Der Weg des Künstlers“ einen dritten Brunnen, den ich hier vorstellen möchte.

Sie stellt darin einen von ihr entwickelten vielschrittigen Zugang dar, den eigenen inneren blockierten Künstler* zu heilen und erläutert, wie es auch eine Verbindung zu Gott -als dem:der Kreativ Schaffenden schlechthin- schafft, wenn wir uns auf die in uns angelegte Kreativität einlassen. Besonders für Menschen, denen eine apologetische oder bibliozentrische Ebene nicht (mehr) ausreichend ist, um zu einem mündigen und belastbaren Glauben zu finden, kann es also auch ein Weg sein, zu einer neuen Art von Spiritualität zu finden, die sich als gesund erweist. (Mir fielen einige Parallelen zur Mystik auf).

Nun vergleicht die Autorin den spirituell-kreativen Zugang im eigenen Inneren an einer Stelle mit einem Brunnen, der Brunnen gefüllt werden muss. Oder auch einem Teich, welcher gepflegt werden muss. Beides Bilder dafür, dass wir nicht nur lernen dürfen, die innere Quelle anzuzapfen, sondern auch, sie volllaufen zu lassen, um dahingehend sozusagen autark leben zu können.

Cameron spricht von diesem „künstlerischen Reservoir“, einem inneren kreativen „Ökosystem„, das wir „erhalten müssen“, indem wir es vor „Überfischung“ bewahren: den Brunnen also nicht immer nur leeren, sondern auch dafür zu sorgen, ihn auch immer wieder aufzufüllen. Es geht um Selbstsorge und gesunden Rhythmus mit Blick auf die eigenen kreativen Ressourcen. Und um ein Abchecken, ob wir noch mit der richtigen Quelle verbunden sind, nämlich der, in welcher Fülle vorhanden ist.

Um was für eine Fülle geht es denn nun?

„Die Sprache der Kunst besteht aus Bildern und Symbolen. Sie ist eine wortlose Sprache, selbst wenn unsere Kunst darin besteht, sie mit Worten zu jagen.“

„Die Sprache des Künstlers ist sinnlich, eine Sprache der gefühlten Erfahrung. Wenn wir an unserer Kunst arbeiten, tauchen wir in den Brunnen unserer Erfahrung ein und graben Bilder aus.“

Voraussetzung dafür, dass wir das tun können, ist es, den Brunnen mit Bildern zu „füttern“… und zwar mit kreativen Impulsen.

Zum Füllen des Brunnens eignen sich eine Reihe von sensorischen Eindrücken, die unser Künstlergehirn nähren: Visuelle Eindrücke, Klang, Gerüche, Geschmack, Berührung, Vergnügen, Spaß, Faszinierung, Mysterien, Magie. (Natürlich geht es nicht um Zauberei, sondern um den Zauber dessen, mit kindlicher Freude das Leben zu entdecken.)

Hierfür benötigen wir Aufmerksamkeit. (Oder, um ein inzwischen etwas ausgeleihertes Trendwort zu bemühen, Achtsamkeit ;-)).

Erfahrungen zu reflektieren und wahrzunehmen, welche Eindrücke sie hinterlassen, kann ebenfalls Futter für den kreativen Verwertungsprozess liefern. (Ich muss dabei an die Psalmen denken, welche ein gutes Beispiel dafür sind, wie es als kollektiv hilfreich empfunden werden kann, wenn ein Individuum seine inneren Prozesse ins Außen verarbeitet, jenseits aller Dogmen, wobei die natürlich ebenso mit einfließen, sofern sie als Eindrücke zugänglich gemacht werden. Manche mögen sie womöglich eher als Tanz oder Dialog zwischen sensorischen Empfindungen und Dogmen verstehen).

„Die Kunst scheint manchmal dem Schmerz zu entspringen, aber vielleicht liegt das daran, dass der Schmerz dazu dient, unsere Aufmerksamkeit auf Details zu lenken“, die uns dann nachhängen und zu Kunst werden.

Aber es muss nicht immer etwas Ausgefallenes sein, auch repetitive, regelmäßige Aktivitäten wie Handarbeiten (unter denen z.B. Jane Austen schrieb) wie auch Gemüse schneiden oder auf der Autobahn fahren. (Bitte nicht beides gleichzeitig…!) Das Ziel besteht darin, das Künstlergehirn zu aktivieren und dadurch in einen Fluss auftauchender Bilder hineintauchen zu können.

Anstatt also zwanghaft zu lesen, wenn wir im Zug oder im Sessel sitzen, gilt es, unsere fokussierte Aufmerksamkeit anzuknipsen: „Wir müssen uns unseren Lebenserfahrungen stellen, anstatt sie zu ignorieren. Kunst ist Phantasie im Spiel auf dem Feld der Zeit. Spielen Sie.“

Für mich erscheint das im Kontrast zu stehen zu dem, wie ich Glauben gelernt habe – was wir fühlen, erfahren, erspüren, er-leben und wahrnehmen, ist nicht so wichtig wie das, was gelehrt wird, was wir lesen, was uns beigebracht wurde. Auch wenn es Raum für scheinbar kreative Elemente gab (z.B. in Form emotionaler Lobpreis-Sessions), war doch immer ein starker Rahmen dafür da, wie diese Zeiten so abzulaufen haben. Starke Abweichungen führen zu Verunsicherung, wir möchten aber lieber Sicherheiten vorfinden und nur einen gewissen Grad an Herausforderung. Dieses Thema beschäftigt mich nach wie vor sehr, da ich inzwischen immer mehr glaube, dass wir so viele innere Künstler*innen blockieren und das Göttliche dadurch begrenzen. Eine Angst vor dem Ungewissen zeugt für mich nicht von tiefem Gottvertrauen, sondern vielmehr von einem Vertrauen in eine stabilie religiöse Praxis. Diese*r Gott ist nicht wild und wir sind es auch nicht, und das soll bitte so bleiben, weil wir Stabilität brauchen, im Außen.

Unweigerlich fällt mir dazu der Spruch ein, der Jeshua zugeschrieben wird, dass, wenn wir nicht umkehren und werden wie die Kinder, wir das Himmelreich nicht erleben. (Mt 18,3b) Kinder brauchen das Spielen. Es ist das Wesen eines Kindes, zu spielen. Das innere Künstlerkind muss spielen dürfen.

Nun klingt es etwas paradox, aber um in so eine Freiheit hineinzukommen, ist eine Art von Abhängigkeit nötig. Es ist aber die von der unerschöpflichen Quelle selbst, die wir immer wieder in uns hineinlaufen lassen müssen, durch Inspiration, innere Bilder usw.

Die Umkehr besteht also darin, von der Abhängigkeit durch Fremdurteile und Begrenzungen hin zu einer Abhängigkeit von Selbstannahme und Fülle zu gelangen:

Wenn wir uns, wie Julia Cameron im Kapitel „Den Fluss finden“ ausführt, zur spirituellen Abhängigkeit von dieser inneren Quelle hinwenden, die uns mit Möglichkeiten verbindet, die über uns selbst hinausgehen (was sie als Gott bezeichnet), erfolgt eine „Kehrtwendung“ – wir werden „uns selbst gegenüber aufrichtiger“ und „dem Positiven gegenüber offener“ ,“urteilen weniger über uns und über andere“, können „spontaner“ und befreiter leben, uns selbst „sanfter behandeln“ und andere werden sich „durch uns nicht so belastet fühlen“. Für mich ein Hinweis auf die christliche metanoia, die Umkehr, welche wir eigentlich benötigen – hin zur inneren kreativen Kraftquelle, die uns in einen heilsamen Aktivitätsmodus hineinführen kann.

(Auch Begriffe wie (christlicher) Anarchismus und Priesterschaft aller fallen mir dazu ein… und ich überlege, wie Gemeinschaften tatsächliche mündige alleindenkende und handlungsfähige Menschen hervorbringen können, und spüre, wie die Kunst uns da sehr große Dienste leisten kann, um uns wirklich dahin entwickeln zu können. Wiederum lässt sie sich nicht in eine Schema pressen, das gut kontrolliert werden kann – und genau das klingt für mich so nach Jeshua. Vielleicht könnte das Kirche helfen, wieder zu wachsen, wenn solche Themen wirklich in den Fokus rücken dürfen.)

Ich sehe, wie du wahrscheinlich längst bemerkt hast, das Prinzip mitnichten nur als etwas für „Kunstschaffende“, die also einem kreativen Beruf oder Hobby, wie mensch so schön sagt, nachgehen möchten. Sondern wenn wir uns Menschen als Wesen, die geschaffen und zum Schaffen bestimmt sind, dazu also, das kreative Wesen eines kreativen Gottes widerzuspiegeln, dann können wir das gesamte Leben als einen kreativen Schaffensakt betrachten. Alles Leben ist Kreiieren, weil immer etwas werden kann, was noch nicht ist, was aber als Idee schon irgendwo herumwabert, tief in uns drinnen schlummert, und zum Leben erweckt oder aus etwas bestehendem herausgeschält werden will. Geistliches Leben bedeutet dann wiederum, etwas Lebendiges zu kreiieren, was mit Hoffnung verbunden, mit Liebe durchtränkt, mit Vergebung durchzogen und von Güte geprägt ist.

Dass nicht mehr wir leben, sondern Christus in uns, kann dann bedeuten, dass nicht mehr das „ich sollte“, „man erwartet von mir“, „wahrscheinlich müsste ich mal“ usw unser Handeln und Sein bestimmen. Sondern ein „ich darf“, „ich träume“, bzw noch richtiger „Gott träumt durch mich wunderschöne heilsame Dinge in diese Welt hinein, die ich ins Leben rufen und ausführen darf“. Ich darf spielen, was die leise Stimme in mir singt, die das Leben in Person ist. Und ich darf mein eigenes Wesen, dass sowieso verbunden ist mit diesem Wesen, wenn ich es zulasse, ebenso herausbringen, darf einfach sein und tun, weil die Angst verschwunden ist, wenn ich mich wirklich geliebt weiß, mich selbst liebe.

Leider basieren viele gesellschaftliche Strukturen auf der Vorstellung, dass, wenn wir die Menschen noch mehr spielen, träumen, frei sein und herumalbern und einfach machen lassen, dann Schlechtes dabei herauskommen müsse, da der Mensch eben von Grund auf schlecht sei und daher Normierung benötigt. Vor allem auch unter Christen hat das leider eine lange Tradition und deshalb finden sich auch hier vermutlich viele blockierte Menschen.

„Die Abhängigkeit von dem Schöpfer in uns bedeutet wirkliche Freiheit von allen anderen Abhängigkeiten“. […] „Wir lernen jetzt, den Götzendienst aufzugeben – die vergötternde Abhängigkeit von anderen Menschen, Orten oder Dingen.“ „Stattdessen machen wir uns von der Quelle selbst abhängig. Die Quelle erfüllt uns unsere Bedürfnisse mit Hilfe von Menschen, Orten und Dingen.“

(In den biblischen Briefen finden wir das unter dem Stichwort „Gesetz der Freiheit“…)

Ich habe gemerkt- und auch in dem Kurs kommt es immer wieder darauf zurück- dass für diesen Weg ein durch und durch zugewandtes, wohlwollendes Gottesgegenüber unerlässlich ist. Das kreative Kind benötigt Zugewandtheit und Wertschätzung dafür, so sein zu dürfen, wie es ist und spielen zu dürfen, wie es spielt.

„Dadurch, dass wir angefangen haben, auf unser inneres Künstlerkind zu hören, hat auch dieses angefangen, sich immer sicherer zu fühlen.“

Da das einzige Medium, mit dem wir Gott wahrnehmen, letzlich doch wir selbst, unser eigenes Inneres, unsere Wahrnehmung, Auffassung, Ansichten, unser Leib, unsere Psyche, unser Erleben usw – ändert sich auch meine Wahrnehmung, Leiblichkeit, meine Blickwinkel, sobald mir in meinem Inneren kein strafendes, sondern ein wirklich wohlwollendes Gegenüber begegnet.

Wir brauchen als ersten Schritt dieses Prozesses, ein wirklich wirklich gütiges Gottesbild in uns zu kreiiren. Und das kann eine riesige Hürde sein, wenn mensch gewisse Prägungen und Gemeindeerfahrungen schon seit frühester Kindheit erlebt hat, die zwar einerseits immer von einem liebenden Gott sprechen, de facto, indem, wie Christen leben und konkrete Situationen beurteilen, aber doch immer wieder konstruiert wird, was aber dann doch noch alles wichtig ist, um so wirklich richtig nachfolgend zu sein, in den Himmel zu kommen etc. (Dazu ein anderes Mal mehr).

Eine riesige Hürde hinter sich lassen, bedeutet dann aber auch – einen riesigen Durchbruch zu erreichen, ein neues Land zu erkunden, in eine ungeahnte Freiheit hineinwachsen zu dürfen.

„Indem wir den Schöpfer in uns suchen und unser eigenes Geschenk der Kreativität umarmen, lernen wir, in dieser Welt spirituell zu sein; darauf zu vertrauen, dass Gott gut ist und wir und die gesamte Schöpfung es ebenfalls sind.“

Ich möchte dir vorschlagen, den Glaubensweg als einen kreativen Weg zu betrachten, der darin besteht, sich mit einem schöpferisch veranlagten Wesen zu verbinden, das große Lust daran hat, uns mit allen möglichen und unmöglichen kreativen Quellen in Verbindung zu bringen.

Und ja, das kann uns wegführen aus einer religiösen Praxis und einem komfortablen Orientierungsrahmen, in dem immer schon fest steht, was passiert.

Das Leben von Jeschua war äußerst kreativ und das vieler anderer Menschen ebenso, von denen in den biblischen Schriften oder anderen Büchern (z.B. über die Mystiker:innen) die Rede ist.

Es ging möglicherweise nie darum, sich einmal wöchentlich in eine nette Veranstaltung zu setzen und den Kopf etwas durchdenken, den Mund auch mal etwas nachzusingen zu lassen. Es war immer ein Unterwegssein im Ungewissen, Begegnungen mit Fremden, die zu Freunden wurden, Situationen, die ein Höchstmaß an Hingabe und hoffnungsvoller Fantasie erforderten. Und es ging um ein Glaubensleben voller kreativer Lösungsfindung (die natürlich auch anstrengend und aufreibend sein kann!), symbolträchtiger Poesie und purer buntester Lebendigkeit, mitten in Schmerz und Tragik.

(In dem recht jungen Liedtext „Leben“ von Tobias Wilhelm aus Münster gibt es die Zeile „Du stürmst mein Universum! Spritzt Farbe in den Tod!“, die genau das für mich sehr treffend ausdrückt und mich sehr bewegt hat).

Es geht um heilsames Spielen. Und wenn wir uns auf den Weg dahin machen, kommt die Gegenwart Gottes uns entgegen und taucht plötzlich hier und da auf und spannt Schnüre, wo wir uns gar keine vorstellen konnten. Wie aufregend, wie schön.

Das was wir, wenn solche Synchronizitäten passieren, als Wunder bezeichnen, ist laut Cameron eigentlich das Normale, und wird sich mit zunehmendem Gesunden des kreativen Selbst auch immer normaler anfühlen.

Für meinen durchgebeutelten Glauben ist es ein Lichtzeichen, ein großer Hoffnungsschimmer: Mit einem göttlichen Wesen unterwegs zu sein und daraus Kraft und Inspiration zu beziehen, muss kein Weg des Sollens, Müssens, des Vernünftigen, der Pseudo-Freiheiten sein.

Es kann ein Weg sein, auf dem nicht von vornherein beurteilt, beschämt, vorgegeben wird. Sondern auf dem sich eine innere, liebgewonnene kreative Kinderseele ins Außen befreien kann und hervorbringen darf, was da ist. Und in dem die Quelle so fest, der Brunnen so gefüllt wird, durch die Verbundenheit mit dem Strom, der uns alle verbinden kann, dass es auch völlig unwichtig ist, ob irgendwelche religiösen Positionen das aber anders sehen. Kreative (innere) Kinder an die Macht! 🙂

*Die Künstlerin ist natürlich genauso gemeint, der Einfachheit halber soll es hier mal bei der übersetzten Form belassen werden.

Die drei Brunnen II – Die Stille in mir

Auch die Kontemplationstrainerin und ehemalige Nonne Miek Pot hat über einen Brunnen geschrieben – der Brunnen der eigenen inneren Stille:

„Es ist wie im Märchen der Sprung in den Brunnen: Will ich aus meiner Lage entkommen, muss ich mich der Gefahr stellen. Ich springe in die Stille wie in einen Brunnen. Das, was sich auftut, ist dunkel, vielleicht leer. Vielleicht fängt mich dort nichts auf? Wenn ich nun auf dem Boden aufschlage? Zugleich öffnet sich im Abgrund eine neue Dimension, die sich zunächst nur schwer erkennen lässt: Ich lade die Angst an meinen Tisch. Ich setze mich der Stille aus. Und durch das Dunkel hindurch, durch die Angst führt der Weg auf die Blumenwiese meiner Seele, die nicht leer ist, sondern die schon immer bepflanzt ist und versorgt wird – auch wenn ich es nicht weiß.“

Das, was passiert, wenn die Stille (in Form eines Klosterbesuchs, einer längeren Zeit in der Natur, am Meer usw) gesucht wird, beschreibt sie so:

„Ich ertrage für eine Zeit, vielleicht auch immer wieder, das Alleinsein und nehme wahr, was die Stille mir sagen kann. Die Angst will mir einreden, dass ich dieser Situation ausweichen sollte. Es ist eine sehr alte Angst, eine kindliche Angst. Das Kind kann nicht allein überleben. Es kann nicht für sich sorgen. Dem Erwachsenen stehen demgegenüber ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Die Einsamkeit auf Zeit wird ihn nicht zerstören. Aber sie wird ihn mit einem Teil seines eigenen Seins in Verbindung bringen, den er, den sie bisher noch nicht ausreichend kannte. Wenn wir wirklich in Kontakt mit dem unendlichen, stillen Raum in uns kommen wollen, müssen wir zuerst bereit sein, uns selbst hiermit zu konfrontieren. Den Schatten bewusst zu leugnen oder nur zu negieren, würde bedeuten, den Weg nach innen zu versperren. Frieden kommt mit der Wahrheit. Diese beginnt mit der Akzeptanz der Wahrheit des Egos. Danach erhalten wir zugang zur Wahrheit der Stille hinter der Stille. Akzeptieren heißt, sich zu konfrontieren. […]“

„Sobald wir unserere Verteidigungsmechanismen bewusst sind, entsteht Raum. Raum, um die Spur zu wechseln. Wir stecken nicht mehr fest in einem bestimmten Abwehrsystem. Es entsteht Raum, der es ermöglicht Grenzen zu verlegen und alte Muster loszulassen.“

(Der zitierte Text ist dem Buch „Gib der Stille in dir Raum“ von Bettine Reichelt entnommen.)

Vielleicht boomen deshalb auch Selbsthilfe-Ratgeber, Meditation und Erholungsseminare… auch bei nichtfrommen Menschen. Weil es vielleicht nicht immer darum geht, irgendwelche Formeln zu einem konkreten Gott beten zu müssen. Sondern weil das göttliche sich manchmal genau darin zeigt, dass ich mir Zeit nehme, um mit meinen Schatten und meinen Lichtern einfach da zu sitzen und anstatt irgendetwas zu tun, einfach zu sein. Offen zu sein für das, was dann passiert. Vielleicht zeigt sich das Göttliche eben darin, Hoffnung zu haben, dass die Schatten ihren Schrecken verlieren, wenn sie einen Ort bekommen, an dem sie sein können. Und der Ort kann nur irgendwo in meiner Lebenszeit sein, ich darf ihn entstehen lassen. Und ich kann üben, auszuhalten, was passiert, wenn ich allein damit bin. Und ich kann beobachten, wie es sich verändert und wie ich mich lösen kann davon, wenn ich einen Ort habe, an dem ich es freilassen und spazieren gehen lassen kann.

Ich denke auch an Konzepte wie das der „Stillen Zeit“, welche mir persönlich einen unbeschwerten Zugang zu einem eigentlich schönen Thema vermasselt haben. Ich muss für mich andere Begriffe finden, um mich darauf wieder einzulassen. Und es geht ja gar nicht so sehr um tatsächliche akustische Stille. Selbst in einem leisen Raum höre ich meinen Atem. Und die Natur ist ebenfalls voll von Geräuschen. Und es geht auch nicht dazu, sich mit Bibelstellen oder Gebetsformeln direkt wieder in ein Rauschen zu begeben, mit denen das Eigene, Innere, unterdrückt und übermalt wird. Im Gegenteil – es darf hinaus, es darf sein, soll sogar.

Vielmehr ist also ein zur Ruhe kommen geschäftiger Aktivität gemeint. Eine Konzentration auf das Sein anstatt auf das Tun. Und vielleicht auch ein wertfreies Wahrnehmen.

Das was wirklich still sein muss, ist womöglich nur der „innere Kritiker“, ein Anteil, der uns ein schlechtes Gewissen machen möchte. (Und ja, ich nenne ihn auch gern den religiösen Kritiker). Denn das, was wir erleben, kann ansonsten auch etwas sein, was uns zerschmettert, wenn wir eher richtend oder wertend unterwegs sind (oder meinen, dass Gott so drauf ist). Für manche Menschen ist es deshalb womöglich besser, solche Stille eher unter Anleitung zu erforschen. Sich also hinterher von anderen auffangen zu lassen und zu reflektieren, was man vorgefunden hat.

Ich treffe mich seit einer Weile regelmäßig mit Freunden, um das Buch „Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“ von Dorothee Sölle zu lesen. Bevor wir lesen, praktizieren wir immer erst eine Übung , die sich Examen nennt (ein bisschen an Ignatius Loyola angelehnt, aber eher in der Version von C. Bello und K. Reschke) – eine Art Tagesrückblick, bei dem wir verschiedene Schritte der Stille vollziehen. Zunächst werden kraftspendende und danach energieraubende Momente erneut durchlebt und anschließend in sich hineingehört, ob wir Impulse dazu wahrnehmen (von unserem höheren Selbst, Gott, wie auch immer man es nennen möchte), zuletzt ist Raum für Dank. Obwohl es wahrscheinlich nicht so gedacht ist, teilen wir oft unsere Momente miteinander, fragen uns, ob wir Impulse dazu gehört haben, erzählen was passiert ist in diesen stillen Zeitfenstern, und häufig erlebe ich dabei, dass wirklich Gedanken und Gefühle transformiert werden. Ich habe damit einen neuen Zugang zum spirituellen Erleben gefunden, der für mich viel mehr wert ist, als irgendwelche dahingesagten Gebetsfloskeln.. ich bin dafür sehr dankbar und wünsche mir zu üben, auch allein solche Zeiten einzubauen, um diesen Zugang zu festigen.

Es ist bereichernd, was ich damit schon zutage fördern konnte – aber es kostet auch Kraft und vor allem Überwindung – mich darauf einzulassen, mich hinabsinken zu lassen in mein intensives Erleben, meine Empfindungen und Interpretationen.. oft kommen Impulse, die ich noch mitnehmen und länger bewegen und mich damit befassen darf. Es läuft eben oft nicht über plötzliche Wunder, sondern das Wunder besteht darin, auf lange Sicht den eigenen Charakter transformieren zu lassen. Und das kostet Zeit, Kraft, Überwindung und viel viel Übung und lässt sich häufig nicht komplett allein bearbeiten oder nur mit dem, was wir Gott nennen, ausmachen.*

Mich bewegt beim Beschäftigen mit diesem Thema, beim Nachdenken darüber, wann, wo, wie, wie oft ich in meinen inneren Brunnen springe, insbesondere der Gedanke an jene Menschen, die es nicht geschafft haben, das Hineinschauen bzw Hinabsteigen in die eigene Einsamkeit und die eigenen Funktionsmechanismen auszuhalten. An die, welche den Versuch aufgegeben haben und jene, die daran verzweifelt oder sogar zu Grunde gegangen sind.

Und dann denke ich an das Potential, welches darin eben auch liegt – wir können einen Weg nach innen finden, der zuvor verschlossen war und uns eine neue Freiheit schenken kann, wenn wir aus diesem Raum dann wieder heraustreten und uns der Welt erneut zuwenden.

Vielleicht ist damit ja der „schmale Pfad“ gemeint, den nur wenige finden (und die anderen eben womöglich erst im Jenseits)? Vielleicht ist er deshalb schmal, weil immer nur eine Person drauf passt – nämlich die, die ihren eigenen Weg zu einem gelösten Sein findet. Indem sie sich erlaubt, ganz mit und bei sich sein zu dürfen, so wie sie ist.

*(Zu meinen, mit einer einzigen gesprochenen Formel sei schon alles getan, sollte meiner Ansicht nach eher dem Aberglauben zugerechnet werden, was dem Umgang vieler Menschen damit wohl eher entsprechen würde.. Worte, im richtigen Moment dem richtigen Menschen zugesprochen, können natürlich sehr viel bewirken, aber nicht alles, was wir noch an Entwicklung vor uns haben, ist durch entsprechende gesprochene Worte oder Proklamationen irgendwelcher biblischer Verse zu bewältigen.. ich würde sogar denken, womöglich das wenigste. Für mich ist Gebet daher nicht an sich ein Zaubermittel, sondern eine Methode um in einen bestimmten Zustand zu gelangen, der aber auch anders zu erreichen sein kann. Doch dazu vielleicht ein anderes Mal mehr..)

Die drei Brunnen I : Spiel des (Glaubens-)Lebens…

Well, well, well…

In meinem Glaubensprozess bin ich über die Jahre auf drei verschiedene Brunnen gestoßen und habe kürzlich gemerkt, dass sie sich auch mehr oder weniger zusammenbringen lassen und für mich ein ziemlich starkes inneres Bild darstellen. Dieses möchte ich gerne mit euch teilen.

Um es ein wenig ausführen zu können, mache ich am besten 3 einzelne Teile daraus.

Los geht es mit Brunnen Nr. 1:

Eigentlich hat das nicht so direkt mit dem Glauben zu tun, mir ist aber bewusst geworden, dass der Symbolgehalt sehr gut abbildet, was ich in den letzten ein zwei Jahren glaubensmäßig bewege und durchlebe. Auch aus anderen (zeitlichen und zwischenmenschlichen) Gründen ist diese Geschichte für mich mit meiner bisher längsten und prägendsten Glaubensphase, der ich gerade entwachse, unmittelbar verknüpft.

Bei meinem absoluten Lieblingskonsolenspiel (Zelda – The Ocarina of Time für Nintendo 64) gibt es eine Stelle in der Handlung, an welcher die Hauptfigur Link sich einem Brunnen stellen muss, um weiterzukommen.

Besser gesagt, sie muss sich dem Unbequemen stellen, das sie im Brunnen vorfindet – und wird im Laufe dieses Prozesses etwas wertvolles und nützliches erhalten, mit dem sie später noch weitere Tiefen gut meistern können wird.

Da es für mich sehr wertvoll ist, die spielerische Handlung szenisch zu verstehen, verknüpfe ich einzelne Aspekte mit Anmerkungen, wie ich die im Spiel vorgefundenen Metaphern für mich interpretieren und mir so etwas mitnehmen kann, das mir bei der Reflexion meiner eigenen Glaubensgeschichte hilfreich ist:

Als Erwachsener hat die Hauptfigur Link ein einschneidendes Erlebnis in einem Dorf, das mal recht idyllisch war. (Das bisher bekannte Glaubensleben? Die behütete christliche Landschaft..?) Er wird von einem Schattendämon angegriffen und beinahe getötet (einem mächtigen Monster, das schon sehr alt ist – im englischen heißt es evil shadow spirit- so könnte es im übertragenen Sinne für die Verdichtung uralter bzw früh gelernter destruktiver Überzeugungen, Gesinnungen und Mechanismen stehen, die plötzlich sichtbar bzw wirksam werden und das Leben zerstören), der aus dem Brunnen ausbricht und dann von einer ziemlich kompetenten Frau (Impa) einen Ort zugewiesen bekommt, wo er später in Ruhe schrittweise überwunden werden kann. (…= das Loslösen aus ungesunden und die Erarbeitung hilfreicherer Denk- und Handlungsmuster..?)

Für eine Zwischenphase, in welcher er das Auge der Wahrheit aus dem Brunnen bergen und dann damit zum Schattentempel gehen soll, wird Link von Shiek (zu dem sich Prinzessin Zelda zwischenzeitlich transformiert hat, wie Link erst später bemerkt) mit einem Lied und etwas Ermunterung aufgebaut.

(Ohne das Lied kommt er übrigens später nicht wirklich weiter, da es ihn tatsächlich an einen anderen Ort versetzen kann. Das erinnert mich an Menschen, die uns auf unserem Weg begegnen, die uns etwas mitgeben können, das wir als so wertvoll empfinden, dass wir nicht wüssten, wie wir sonst vom Fleck gekommen wären, ohne genau das, was uns diese Verbindung gegeben hat. Eine echte Ressource also).

Dafür wird dann auch unbedingt ein Gegenstand benötigt (d.h. eine spezielle Phase muss auch erstmal durchgestanden werden), welcher nur in diesem Brunnen zu finden ist – das Auge der Wahrheit.

(Man beachte – der selbe Raum, in dem das destruktive verortet wird, wird zu dem Hilfsmittel, durch welches genau diese destruktiven Kräfte überwunden und transformiert werden können und Ruhe einkehren kann).

Wer durch das Auge der Wahrheit hindurch sieht, hat eine andere Perspektive auf seine Umgebung – es wird deutlich, welche Dinge gar nicht wirklich da sind, die zuvor sichtbar waren.. und welche unsichtbaren Gefahren oder Ressourcen auch noch auffindbar sind, die vorher unsichtbar waren (für die man also „kein Auge hatte“). Man kann es also nutzen, um Situationen anders einzuschätzen und anders damit umgehen zu können. (Im übertragenen Sinne könnte es also z.B. für eine bestimmte Haltung stehen, mit der ein Mensch, womöglich auch kollektiver betrachtet, eine Gemeinschaft von Menschen, durchs Leben gehen kann, sobald sie entdeckt und entwickelt wird und man sie im Gepäck hat. Oder auch ein vertieftes Bewusstsein dafür, wo der Boden eben doch nicht wie angenommen trägt, wo Gefahren für die eigene gesunde Entwicklung bestehen und wo aber auch unentdecke Schätze und Ressourcen liegen können). Dem Wahrheitsbegriff widme ich mich lieber einmal ausführlicher an anderer Stelle… 😉

Ebenfalls spannend finde ich, dass es einen Hirnsauger (mit sogenannter Wächterfunktion, weil er einen eben davon fernhalten will, die Lupe, mit der man mehr sehen kann, ergreifen zu können) und einen gewissen (veränderbaren) Wasserstand gibt in diesem Brunnen, sowie etliche Wände, die nur optische Illusionen sind.

Das erinnert mich an eine Vermittlung davon, wie sich die Dinge verhalten (z.B. mit Gott, der Bibel und der Welt usw), die ich hier und heute unter Gehirnwäsche und Manipulation bzw Missbrauch einordne und von denen ich es endlich schaffe, mich mehr und mehr herauszulösen und frei davon zu werden. Die Hand im Gesicht, den eigenen Blick verdeckend, die individuelle Perspektive verneinend, stellt somit das Gegenteil zum Auge der Wahrheit, das man selbst in der Hand halten kann, sie ist das negierende, indoktrinierende ‚Deine Perspektive hat nur das zu sehen, was ich in der Hand habe‘.

In mir versinnbildlicht das den Ursprung der Sehnsucht nach eigenständigem GlaubensLeben. Danach, endlich alles religiöse ablegen und loswerden zu können, um mich mit dem zu umgeben, was Jeshua wirklich gemeint hatte. Es ist auch die Sehnsucht nach Freiheit davon, immer die Vorstellungen anderer vor Augen haben zu müssen (inklusive auch der eigenen, verinnerlichten).

Und dass einem manchmal das Wasser bis zum Halse stehen kann, Menschen untergehen oder aber Dinge bewältigen, indem sie den Wasserstand anzupassen schaffen, auch das hat ziemlich viel mit im System verankerten (bzw im eigenne Inneren abgebildeten) Rahmenbedingungen, Erwartungen und Ansichten zu tun. Manchmal ist das Herz so zugeschüttet mit engen Vorstellungen, wie Gott, die Welt und der Mensch einschließlich man selbst doch sein müssten, dass es daran förmlich ertrinkt und aus diesen hinabziehenden Vorstellungen nicht wieder aufzutauchen schafft.

Und schließlich sind da die von außen (bzw einer religiösen Obrigkeit/Richtung) auferlegten oder schon verinnerlichten und somit von einem selbst aufgetragenen Vorgaben, Richtlinien, Grenzen, Du-sollst- und Du-sollst-nicht- Sätze. Die Wände, die einem viele weiterführende Lebenswege versperren. Die Negierungen des eigenen Lebenswegs. Die vielen Da-geht-es-nicht-langs und So-machen-wir-Christen-das-nichtse. Die vielen Einschränkungen, Einengungen – oder, biblisch gesprochen- die Unterjochungen der Knechtschaft… in denen viele fromme Menschen leider ihr Leben verbringen. Oder die sie auch in eigentlich freiere Kontexte vielleicht mit hineinnehmen und diese dann gar nicht wirklich frei erlebt werden können… da die inneren Prozesse erstmal eine tiefergehende Umprogrammierung benötigen würden..

Die Methoden, um mit den vorgefundenen Schwierigkeiten am Grund des Brunnens umzugehen, bewegen sich zwischen militanter Gegenwehr mit Bomben und Schwert (einer klaren Kampfansage und dem bewussten Auflösen von Schrecken?), dem cleveren Lösen von Rätseln (manchmal ist es eben doch das gute alte rationale Nachdenken, das weiterhilft) sowie dem Spielen eines royalen Wiegenlieds (Entspannungsmethoden, Mediationsmusik, Innerer-Kind-Arbeit?).
Und dann ist noch bedeutsam, sich nicht mehr von sichtbaren Wänden den Weg zeigen zu lassen, sondern mutig Wege zu beschreiten, die hinter diesen liegen, die man zunächst mal nur erahnen und durch Versuch und Irrtum erkunden kann, später mit dem Auge der Wahrheit aber easy sehen kann. (Das ist für mich ein passendes Bild für das Aufgeben bisheriger Glaubenssätze und Überzeugungen.. Und damit auch dem Finden von neuen Überzeugungen, Haltungen und Perspektiven und dem Beschreiten anderer Wege.)

Interessant ist zudem, dass zuvor das ganze Wasser aus dem Brunnen gepumpt werden muss, indem Link in der Zeit zurückreist und als Kind in der Mühle über dem Brunnen die Hymne des Sturms spielt. (Manchmal muss erstmal alles raus… und erstmal eine große Erschütterung, ein großer Sturm und große Leere einkehren in die Idylle, von der man irgendwann mit voller Wucht gemerkt hat, dass sie trügerisch ist. Und manchmal kann das mit einem kindlichen Geist, einer Naivität, einem Entdecken von Autonomie („Trotzphase“ genannt) und dem Erkennen, dass man doch noch Dinge hat, aus denen man nie herausgewachsen ist, in denen man mündig werden darf, verbunden.. vieles hat sich eben doch in jungen Jahren eingeprägt und ist doch so lange schon gar nicht mehr dienlich..)

Für mich war es eine weiterbringende Erkenntnis, mich zu erinnern, wie oft ich das in dem Spiel durchgespielt hatte.. und wie ich es jetzt im echten Leben auch durchspielen „darf“ – bzw muss, um nicht daran zugrunde zu gehen, wie sich die Dinge so entwickelt haben. Ich möchte zu denen gehören, die nicht daran zugrunde gehen. Bzw um im Bild zu bleiben – die den Grund ergründen um dann mit einer neu gefundenen erweiterten Perspektive wieder hinaufklettern und zu neuen Abenteuern (ja, auch in hinter Friedhöfen liegenden Schattentempeln) aufbrechen zu können, an die ich mich dann wage. Und ich bin dankbar für jeden Schritt im Ungewissen, wo ich von Neu Entdecktem getragen werde.

„Geh hin, wo du nicht kannst, sieh, wo du siehest nicht; hör, wo nichts schallt und klingt, so bist du, wo Gott spricht.“ – Angelius Silesius

Alle Bilder von https://www.zeldaeurope.de/spiele/oot/walk/018.php

Bis auf Beitragsbild: https://www.planet3ds.de/images/db/52199.jpg

Dialog im Nebel

Wenn ich mit bekannten und viel gepflegten Anreden und Zuschreibungen Gottes nicht mehr so viel anfangen kann, wie kann ich denn dann etwas formulieren, was für mich einem Gebet entspricht?

Darüber mache ich mir häufig Gedanken. Bestimmte Arten zu beten vermisse ich kein bisschen. In den Gemeinden, die ich kannte, war immer klar, wenn jemand fragt, ob wir noch beten wollen, dann war damit gemeint, dass Menschen Worte sprechen. Oft war auch allen klar, wie so ein Gebet dann abläuft, und auch dort, wo vorformulierte Gebete tendenziell verpönt sind, bürgern sich dennoch mit der Zeit Floskeln und Phrasen ein, die mensch dann eben so sagt, beim Beten. Das ist nicht per se schlecht und Rituale erfüllen im (zwischen)menschlichen Alltag eine wichtige Funktion. Da wo gegangene Wege allerdings irgendwann so ausgetreten sind, dass kaum mehr Gras wächst, muss ich auf Abstand gehen.

Außerdem gab es da auch noch diesen Hinweis, dass es nicht darum gehen kann, viele Worte zu machen. Die innerlich stattfindenden Prozesse sind wesentlich wichtiger und die sind nicht unbedingt an den Worten festzumachen, dennoch kann die Wortwahl und Gewohnheiten bestimmte Gebetsverständnisse begünstigen, während andere mehr oder weniger unmöglich werden, und sei es auch „nur“ aufgrund von Gruppendynamik.

Abseits dessen, was mir jahrelang als Gebet bekannt war bewegt sich in mir ein großes Fragezeichen – warum ausgerechnet mit der großartigsten aller Existenzen oft so gekünstelt gesprochen wird. . Mich dem zu entziehen, dass das eben so gemacht wird, weil mensch das eben so macht, gelingt mir in der Gemeinschaft gerade fast gar nicht mehr.

Ganz schnell sind wir dann wieder beim männlichen Fürbitt-Gott, dem wir mit vielen Worten erzählen, was er ja gerade sieht, bevor wir ihn bitten, uns bzw denen, für die wir beten, zu helfen, den Alltag zu schaffen oder auch heikle Situationen zu bewältigen.

Ohne bestimmte Formen abwerten zu wollen, die für Menschen wichtig und gut sind, habe ich gemerkt, dass ich mit vielen von diesen Bekannten Sachen nicht mehr besonders viel anfangen kann.

Sie funktionieren einfach nicht mehr so wie bisher, sind mir zu phrasenhaft….und zu weit weg von einem Gottes- und Weltbild, mit dem ich tatsächlich die Realität verknüpfen kann.

Gleichzeitig sehne ich mich aber noch immer danach, das große Du, das liebende Gegenüber hinter aller menschlicher Existenz zu adressieren.

-Zwischenstand.-

Im Abstand zum Bekannten wurde für mich das Einfach-da-sein, das Hinspüren, das Zuhören, Präsenz, die sich einfach verbindet mit dem was ist und mit dem was werden darf, erneut wichtig.

Das hatte mir oft viel zu wenig Platz. In Gemeinschaft ist so etwas womöglich ja auch schwieriger..erst recht wenn Rahmen und/oder Gewohnheit dafür fehlen. Vor allem, wenn eine bestimmte Art von Präsenz, Zusammensein, Zusammenschweigen von anderen eben nicht als Gebet aufgefasst wird, sodass sie dann immer noch ihre Gebetsformulierungen hintenran hängen müssen, weil es sich sonst nicht richtig anfühlt (für mich fühlt es sich dadurch oft eher wie Aberglaube an.. so verschieden sind wir eben dann doch manchmal..)

Dann wieder fällt es aber auch schwer, das Schweigen auszuhalten. Ich kann das nicht besonders gut. Mir helfen dann (und auch das ist in etablierter Gemeinschaft weniger leicht zu erkunden bzw zu entwickeln) Melodien, ein Satz, ein paar Worte, Bewegung und/oder die Konzentration auf die Atmung, um ein Geländer zu haben, an dem entlang ich mich an den Ort begeben kann, an dem ich dem großen Du begegne und mich ganz in die Präsenz hüllen lassen kann, welche ich dort vorfinde, und die so auf geheimnisvolle Weise beginnt, auch in mir sich einen Weg zu bahnen.

Und dann manchmal soll es aber eben doch ein Gespräch sein. Mit Worten als Anker zwischen den Zeitformen, die meinem Ausstrecken in himmlische Sphären Halt geben und mir helfen, alle Ebenen zu verknüpfen.

Vor ein paar Wochen kam mir während eines Spaziergangs die Idee, in etwa so zu beten (ich erinnere mich leider nicht mehr genau, deshalb sind das hier nur Beispiele für Zeilen):

Ewiges, liebendes Du. .

Öffne mich für die Dankbarkeit und die Liebe.

Bewege und entfalte mich in dir, kreative Schaffenskraft.

Verbinde mich mit deiner Güte. Öffne mich dem versöhnten Leben.

Mache mich weit für die Freiheit. Sei mein innerer Schutz.

Atme Vergebung und Neuanfang. Verbinde mich mit dem Leben.

Öffne meinen Blick für dich (das lebendige liebevolle Sein) – in allen meinen Begegnungen.

Verschenke mich, teile was mir zuteil wurde.

Lasse die Schwere weiterziehen. Lass mich umarmen. verweilen. tanzen.

Um das Leben zu würdigen, in mir, und in allen Geschöpfen.

An so einer Art von Gebet mag ich, dass nicht im Mittelpunkt steht, dass Gott irgendwas für mich machen soll, sondern dass ich versuche, die Sachen, die ich um mich herum immer mehr sehen möchte, in mir selber zu entfalten. Und auch die personalen Pronomen sind stellenweise nicht eindeutig (vor jeden Satz könnte auch ein „Ich“ stehen, sodass auch klar wird, dass ich selbst für das mir geschenkte Leben Verantwortung übernehmen darf und diese nicht einfach abgebe, damit ein wie auch immer gearteter Gott mir das mal eben abnimmt.), was mich an Eckhart Tolles Erklärung zu „Sei still. Und erkenne. Ich bin. Gott.“ erinnert. So ist nämlich auf einer bestimmten Stufe gar nicht mehr so klar, ob ich mich selbst ausrichte oder Gott adressiere. So gesehen kann ich auch sagen: Mein Ausgerichtetsein auf ein nichtmenschliches Gegenüber voller geheilter Eigenschaften und Möglichkeiten führt dazu, dass ich mich selbst, meine Wirklichkeit, ausrichte auf diese Eigenschaften hin und so wieder in Balance komme, und Zukünftiges in die Gegenwart spreche.

Ich richte mich aus. Ich richte mich auf. Und natürlich nicht aus eigener Kraft, und darin besteht das Gotteslob, das genügt: ein von einer lebendigen Begegnung mit der unerschöpflichen inneren Quelle zur Liebe hin verändertes Menschenleben.

Und was ist nun mit Fürbitte?

Wenn ich auf diese Weise aus dieser Quelle geschöpft habe, dann wird anderen die Begegnung mit mir auch automatisch zum Segen werden. Und mit wem immer ich mich gedanklich, sobald möglich aber auch in einer zwischenmenschlichen Begegnung, dann verbinde, mit dieser Person verbindet sich ja auch potentiell alles an guten Sachen, womit ich mich verbunden habe. So entstehen Segenskreisläufe. Das kann mitunter eigenverantwortliches Handeln, auch außerhalb der Komfortzone bedeuten. Und auch umgekehrt, dass mir gute Dinge, die ich erfahren und entwickeln möchte, womöglich an Orten und durch Menschen zuteil werden, die selber zum Beispiel gar nicht beten. Gott ist so viel größer.

Die feminine Gottin

Gott – das ewig herrlich-männlich-väterliche Idol? Bist du so? Bist du nur so? Oder auch noch anders?

Inzwischen erscheint es mir wie Götzendienst, dich mir als explizit männlich vorzustellen.

Und doch kenne ich es nicht anders von den Gemeinschaften, in denen ich bisher geglaubt habe, dich zu finden. Ich habe dich dort nur halb gefunden. Immer als Mann. Immer wurde über dich nur männlich gesprochen. Ich möchte das nicht mehr. Es wird dir nicht gerecht. Und es wird einer gleichberechtigten Gesellschaft und Glaubensgemeinschaft nicht gerecht.

Nun hat ein grammatikalisches Maskulinum für die tatsächlichen Eigenschaften der beschriebenen Sache ja nicht unbedingt etwas zu sagen… Der Tisch ist nicht männlicher als die Lampe. Jedoch geht es hier um eine Person – und vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Frauen durch jahrtausende andauernde patriarchale Strukturen ist es dann eben doch auch mal wichtig zu überlegen, ob das so noch Sinn macht – oder je Sinn gemacht hat.

Wir lesen, wie z.B. der Theologe Frank Crüsemann festgestellt hat, dass die Menschen ein Ebenbild von dir sind – männlich und weiblich – und du deshalb eben auch männlich und weiblich bist.

Aber glauben wir das tatsächlich? Ich habe es bisher so gut wie nie wahrgenommen, dass das einen Platz bekommt. Ja, da ist dieser Vers darüber, dass du tröstest wie eine Mutter… aber viel mehr in die Richtung kam dann auch nicht.

Bei mir hat das dazu geführt, dass es sich sehr komisch anfühlt, von dir als weiblich zu sprechen. Es hat sich eben einfach so durchgesetzt – unser Gott ist männlich. Punkt.

Ich vermute, dass Jeshua vom Vater gesprochen hat, hatte gute Gründe – weil in dieser Zeit eben ein Vater viel mehr Handlungsspielraum hatte und ernster genommen wurde. (Das gleiche gilt für die Bezeichnung „Herr“- weibliche Regierungschefs waren damals einfach nicht wirklich denkbar..). Außerdem war es in dieser Zeit wichtig, die Betonung auf einen einzelnen Gott zu legen, da sonst womöglich allzuschnell von den Menschen aus einer weiblichen und männlichen Seite ein Götterpaar gemacht worden wäre (Karl Veitschegger, 1981).

Mit seinem Leben hat Jeshua ja trotzem (oder gerade deswegen) auch gezeigt, dass Frauen gleichberechtigt sind – sei es als Gesprächspartner:innen, Zeug:innen oder als Jünger:innen bzw Apostel:innen. (Dass die später beim Aufschreiben eher wenig Raum in der Erwähnung bekommen haben, lag ja nicht an ihm). Er war außerdem durch eine weibliche Teenagerin zur Welt gekommen (was Gott sicher auch anders hätte lösen können). Und er hat auch nicht davor zurückgeschreckt, Tätigkeiten zu übernehmen, die eher von Frauen erwartet wurden. Jeshua hat sich über Kategorien hinweggesetzt (z.B. auch die des Alters) und sogar mal von einer „heidnischen“ (!) Frau(!) seine Meinung ändern lassen. All diese Dinge sind heute für viele Menschen noch genauso anstößig.

Was ich sagen will – selbst für damalige Verhältnisse waren da schon recht viele Dinge dabei, die so eigentlich skandalös waren. Aber manches hätte vielleicht wirklich nicht weiter transportiert werden können, wenn Jesus als Frau erschienen und von einem mütterlichen Gott gesprochen hätte..? (Macht er vielleicht nächstes Mal?) Weil die Menschen einfach nicht so weit waren?

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es Gott wichtig ist, als Mann betrachtet zu werden.

Nur, dass Gott möchte, dass die Menschen dieses in grenzenloser Güte regierende Wesen hinter allem entdecken, dass sich ihnen in „radikaler Akzeptanz“, wie es ein tübinger Studentenpfarrer in einer Predigt formuliert hat, zuwendet. Und dafür ist es vielleicht mehr als nötig, bestimmte Bilder von Gott loszulassen, die Menschen daran hindern, diese Güte zu erfahren…

Selbst die heilige Geistkraft, die im hebräischen weiblich ist (und im griechischen zumindest sächlich) müsste doch eigentlich als die Geistin oder wenigstens das Geistige/Geistliche in unsere Sprache eingehen und könnte das auch theologisch ziemlich unverfänglich. Tut sie aber nicht. Vielleicht weil, als sich auf die Trinität geeinigt wurde, es zu skandalös gewesen wäre, wenn da ein weiblicher Teil dabei gewesen wäre. .? Weil die Männer, die das entschieden haben, und die religiösen Systeme, die es fortgeführt haben, es nicht so gut kontrollieren und ihre Machtposition stabilisieren konnten, wenn da ein Teil Gottes keine männliche Person ist? Sondern eine weiblich-schöpferische Kraft, die weht, wo sie will?

(Zum Thema weibliche Geistkraft gibt es einen schönen Artikel von Erika Godel.)

Ich habe gar nichs gegen das Väterliche von Gott. Ich mag diesen Aspekt auch. Ich möchte nur, dass das Mütterliche und Weibliche auch Raum bekommt. Und eigentlich sind diese Attributionen (väterlich – hart, kriegerisch, wild, und mütterlich – nährend, versorgend, Leben hervorbringend, besänftigend) auch ziemlich problematisch… Weil es Konstrukte sind, welche im Wandel der Kontexte neu gefüllt oder eben verändert werden müssen – denn was ist gemeint, wenn etwas als väterlich oder mütterlich, männlich oder weiblich bezeichnet wird- und sei es ein Gott? Schnell wird hier offensichtlich, wo Konstrukte zu normativen Schablonen geworden sind, welche die Realität begrenzen.

(Ich las neulich in der Zeitschrift ‚Psychotherapie und Seelsorge‘ einen Artikel, in dem sinngemäß stand, dass väterliches Spielen für das Kind wichtig sei – weil sie mehr raufen und das Kind in die Luft werfen/gewagtere Dinge unternehmen, das Kind mehr herausfordern usw. Da habe ich mich wirklich gefragt, ob ich lachen oder weinen soll und in welchem Jahrhundert der Autor lebt. – Leider eine verpasste Chance, um mit alten Mythen aufzuräumen..)

Für mich ist der Begriff des Vaters deshalb wichtig, weil es um eine familiäre Tischgemeinschaft geht, und nicht zu allen Zeiten alle möglichen Leute daran teilnehmen durften, sondern nur nahe Verwandte. Noch immer geht es in den meisten (auch christlichen) Kleinfamilien so zu, dass sich zu allererst um die biologischen Kinder und Verwandten gedreht, für diese gelebt, gesorgt und mit diesen geteilt und Gemeinschaft gepflegt wird. Genau das ist aber nicht das, was Jeshua vorgelebt hat.

Sondern – wenn Gott unabhängig von Klasse, Geschlecht, Volk etc alle Menschen zu sich einlädt, und sich ihnen gegenüber wie ein Vater verhält (und natürlich auch wie eine Mutter), dann ist das in erster Linie ein Hinweis darauf, dass – da wo sich alle als Kinder derselben Person begreifen – alle Menschen zueinander ein Verhältnis haben können, als ob sie miteinander eng verwandt sind. Und das ist etwas wunderschönes.

Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Gott ein Geschlecht hat (Jeshua sagte mal, nicht mal die Engel haben eins) und dass es für ihn irgendeine Rolle spielt, ob wir ihn uns eher als männlich oder weiblich vorstellen.

Doch für das Leben der Menschen hier macht es einen enormen Unterschied. Und deshalb wird mir immer wichtiger, dass da eine Ausgewogenheit hineinkommt.

Wenn ich glaube, dass Gott in sich für die Würde aller Menschen und die Gleichberechtigung der Frauen einsteht (und davon bin ich überzeugt), dann möchte ich, dass das Glaubensleben (also das, wie sich täglich das Vertrauen in dieses Wesen manifestiert, wie es sich in Gemeinschaften äußert und in der Sprache darüber) das auch reflektiert. Und es macht mich traurig, dass ich bisher keine christliche Gemeinschaft kennengelernt habe, in der das passiert. (In der eben z.B. nicht „der“ heilige Geist gesagt wird, wenn darüber gesprochen wird). Ich wünsche mir, in die Richtung mehr zu entdecken. Und ich bin dankbar dafür, dass mein Gott größer ist als jede Box, in die Menschen sie stecken wollen.

Vielleicht war es sehr clever, dass im jüdischen der Name Gottes JHWH ein Räsel bleibt, nicht ausgesprochen und nur mit Umschreibungen eingegrenzt wird. Am ehesten könnte das vielleicht mit der „wehende“ und „ich werde sein, der ich sein werde“ übersetzt werden.. wie könnte, wie wird das Wesen Gottes noch sein, wenn wir es wirklich sein lassen?

Wir sollen uns kein Bild von Gott machen – ich glaube, dass das nicht wirklich möglich ist, da wir Menschen uns immer Vorstellungen von allem möglichen machen, und der rosa Elefant längst in unserem Kopf sitzt. Anstatt uns ein einziges – z.B. ausschließlich männliches- Bild zu machen, wäre es also ratsamer, uns verschiedenen Vorstellungen zu öffnen -und somit eben auch mit der als weiblich attribuierten Seite Gottes zu befassen. Und diese Seite auch einzubeziehen, zu addressieren, auch dieser Seite zu vertrauen. Die nur dann auch Raum bekommt, wenn die Vorstellung der weiblichen Gottin (für mich gerade ein guter Zwischenbegriff ;)) auch in die Sprache an und über sie Eingang findet. Für mich ist das eine spannende und ermutigende Entdeckung. Und ich will ihr diesen Raum geben.

Und es gibt wohl auch keinen besseren Zeitpunkt, eine Seite an Gott bekannt zu machen, die nicht nur alte, weiße Männer repräsentiert, als jetzt, hier und heute. Eigentlich ist es dafür schon lange höchste Zeit.

Ich danke dir von ganzem Herzen, du Ewig Werdende, die du sein wirst, dass du mir heute begegnest als die, welche du auch bist.

Harmonia Rosales – The Creation of God (2017)

Space Easter

Trotz meiner ziemlich großen Fantasie konnte ich mir lange Zeit wenig darunter vorstellen, was es mit der Auferstehung auf sich hat, wie sie funktioniert und warum genau das, was da passiert ist, in dieser Weise nötig war, damit es für alle die das möchten eine andere Form von Lebensfülle und Zustand der Seele geben kann.

Mir hat es auch nie geholfen, dabei in antikes, mittelalterliches, oder sonstwie mythologisches Vokabular und damit ebensolche Vorstellungen zurückzufallen. Erst recht kann ich so nicht mit Menschen darüber sprechen, die etwas anderes glauben.

Ausrechnet der Science-Fiction Film “Interstellar“, den ich gar nicht mal besonders gut fand, hat mir dann vor ein oder zwei Jahren einen Zugang zu dem Thema ermöglicht.

Um hier nicht groß zu spoilern, für diejenigen, die ihn noch sehen möchten, sei nur so viel gesagt – vielleicht gibt es eine Dimension, die erst in einiger Zeit von den Forschern, die sich mit Quantengravitation befassen, erschlossen werden kann. Vielleicht werden dann auch von Menschen Orte erschlossen, die hinter Zeit und Raum liegen, bzw diesen nicht unterlegen sind. Vielleicht werden neue Fortbewegungsmöglichkeiten gefunden, die heute noch gar nicht vorstellbar sind.

Auch der Film „Another Earth“ hat mich hinsichtlich der Vorstellung, wie das mit Himmel, Jenseits und Erneuerung der Geschöpfe so funktionieren könnte, inspiriert. (Dort geht es auch fundamental um das Thema Leid/Schuld und Erlösung). Vielleicht gibt es irgendwo eine Sicherheitskopie von jedem Menschen… und auf dieser Basis könnten weitere Überlegungen passieren – vielleicht kann die Seele dort hinein übertragen werden und diese andere Version der eigenen Person aktivieren. Vielleicht ist dieser anderen Person dann auch nicht möglich, erneut zu sterben, sondern sie hat unbegrenzte Lebenskraft. Weil sie womöglich aus anderer Materie besteht, in einer anderen Atmosphäre lebt, oder andere und unbegrenzte Möglichkeiten von Heilung/Wiederherstellung/Backups oder wie auch immer möglich sind. 🙂

Vielleicht liegt diese andere Welt zudem gar nicht ganz wo anders im Universum, sondern ist ein unsichtbares Raster um diese Welt herum und um die Personen auf dieser Welt herum. Vielleicht gibt es manchmal Momente, in denen diese beiden Ebenen miteinander Verknüpfungen mit Austausch erfahren… so wie ein Remote Zugriff, bei dem Daten verändert werden durch jemand, der gar nicht vor Ort anwesend ist, eigentlich… andere nennen es Wunder. 🙂

Solche Gedanken tun bei mir zweierlei – sie sprengen mein Gehirn. Und sie wecken in mir ganz neues Interesse für diese Thematik.

Vielleicht werden diese ganzen Dinge viel eher vorstellbar, wenn wir sie mit Programmierung und dem, wie das Weltall aufgebaut ist, zusammendenken. Und immer wieder uns in Erinnerung rufen, dass nur weil wir etwas noch nicht verstehen, das nicht bedeuten muss, dass es völliger Unsinn sein muss. Früher konnten sich ja Menschen auch nicht vorstellen, dass wir einmal in Flugzeugen um den Globus reisen werden.

Ja, vielleicht führen all diese Gedankenspinnereien für manche Menschen viel zu weit. Aber vielleicht können sie auch einigen Menschen helfen, sich nochmal zu überlegen, ob sie das alles wirklich für bloße Spinnerei halten. Und wenn ja, ob das vielleicht daran liegt, dass die Möglichkeiten, das ganze physikalisch zu erklären, eben einfach noch in den Kinderschuhen stecken.

Ich habe mich gefreut, dass vor ein paar Tagen eine Kurzpredigt von Jens Stangenberg online gestellt wurde, in der dazu wie ich finde sehr passende Gedanken von ihm zu dem Thema gemacht werden.

(Diese Gedanken tauchten schon vor einer Weile in einer längeren Predigt von ihm auf und ich fand es super passend, sie jetzt nochmal kurz und knapp in Erinnerung gerufen zu bekommen und mit meinen aktuellen Überlegungen dazu verbinden zu können.)

Auch da geht es – so wie ich es verstanden habe – um eine Dimension, die für uns nur zugängig ist, wenn wir uns mit dem verbinden, der an einem bestimmten Punkt der Menschheitsgeschichte aus der Zukunft, die wir erleben werden, diese erlebte Zukunft schon im Vorhinein für uns zugängig gemacht hat. Das lässt sich erst dann verstehen, wenn wir begreifen (was ganz schön schwierig ist), dass in dieser anderen Dimension Raum und Zeit nicht so funktionieren, wie in den Dimensionen, die wir erfassen können und in denen wir uns normalerweise bewegen.

Um aber nach diesen Gedankenreisen mal nicht ganz in Technozentrismus auszuarten…:

Wie viel krasser, als all diese unvorstellbaren Funktionsweisen ist es, dass offenbar ausgerechnet die Liebe das Element ist, das diese beiden Dimensionen miteinander verknüpfen kann.

Kein komplizierter Code, kein hoher wissenschaftlicher Rang, kein tiefgründiges Wissen, scheint notwendig zu sein. Sondern das Annehmen, erfahren und verinnerlichen und verköpern einer aufrichtigen, selbstlosen, tiefen Liebe. Liebe ist das Element, das Möglichkeitsräume zu Wirklichkeitsräumen macht. „Ich bin kein Roboter. Klick. Markiere alle Felder, auf denen Liebe ist.“

Wie schön ist es zu erahnen, dass wir nicht darauf warten müssen, Dinge wissenschaftlich erklären zu können. (Und dass wir bei dem Versuch, vorschnelle und umfassende Antworten zu finden, auch nicht in bedenkliche pseudowissenschaftliche Erklärungen abrutschen müssen..)

Sondern dass diese erahnbare Dimension auch erfahren und ein Stück weit erschlossen werden kann durch das Kennenlernen einer solchen Liebe, wie sie vom ersten Auferstandenen gebracht wurde aus einer Zeit, in der wir alle geheilt und erneuert worden sind.

Diese Liebe stellt alle menschliche Weisheit in den Schatten und ist deshalb wahrlich zauberhaft und abgespaced.

An Ostern verneige ich mich vor dem Geheimnis, das in dieser großen Geschichte steckt.

Bild von Salvador Dali und Screenshot aus dem Film ‚Interstellar‘. Anscheinend haben auch andere diese beiden Themen gut verknüpfbar gefunden. 🙂
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Fremde Namen

In mir ist in den letzten Jahren vermehrt die Frage aufgestiegen, warum in den vielen Bibelübersetzungen eigentlich so selbstverständlich die Namen von Menschen übersetzt wurden. (Theolog:innen vor, wenn da wer eine Antwort hat! :)) Ich meine, insbesondere im neuen Testament. Vielleicht ist das vor allem einer leichteren Lesbarkeit, aber auch Vertrautheit geschuldet, die damit einhergeht? Das klingt vielleicht erstmal gut – ich finde es aber sehr schade.

Ich habe gemerkt, dass es mich irgendwie entfremdet.

Auch wenn ein gemeinsamer sprachlicher und herkunftlicher Hintergrund natürlich nur eine Dimension für das Erleben von Menschen in der damaligen dortigen Gesellschaft war, empfinde ich es dennoch wichtig, diese mit einzubeziehen. Wenn ich also Texte lese, bin ich immer dankbar, kluge Gedanken kluger Menschen zu den Hintergründen mit einbeziehen zu können. Denn vieles erklärt sich nicht einfach von selbst.

Aber dann auch einfach mal ein hebräisches Wort zu hören, mögliche Bedeutung(en) zu erfahren, aber es auch einfach auf mich wirken zu lassen, löst beim Lesen nochmal etwas Besonderes aus und ermöglicht mir einen Zugang auf einer anderen Ebene.

Vor kurzem habe ich mir die Bibel in gerechter Sprache zugelegt. Sehr schön ist es darin gelungen, Gott in der Übersetzung z.B. immer mal als „die Ewige“ oder „Adonaj“ zu beschreiben, sodass es sich abwechselt, und nicht nur ein einseitiges Bild abgegeben wird.

Was mir noch immer fehlt, ist, dass statt „Jesus“ mal Yehoshua oder Yeshua da steht. Dass wir von Mirjam lesen statt von Maria. Jochanan statt Johannes, Matityahu statt Matthäus, Elischewa statt Elisabeth usw.

Ist doch völlig egal, mögen manche sagen. Aber ist es das wirklich? Für mich entsteht durch die Verwendung der aramäischen und hebräischen Formen, da wo es möglich wäre und auch dem entsprochen hat, wie Personen tatsächlich eher angeredet wurden, automatisch mehr Nähe zu damals, zu dort.

Und auch ein bisschen Befremden. Im besten Sinne. Es fühlt sich irgendwie weniger so an, als ob ich mit meiner Sprache etwas vereinnahme, was nicht vereinnahmt gehört.

Und ja, ich würde mir etwas komisch vorkommen, immer wenn ich über ihn rede, Yeshua statt Jesus zu sagen. Aber eigentlich wünsche ich mir die Freiheit, das zu machen.

Weil ich mit der Latinisierung irgendwie immer die römische Besatzung und auch die starke Institutionalisierung und Zusammenlegung des christlichen Glaubens mit der Staatsmacht in konstantinischer Zeit verbinde. Und weil es sich sogar fast anfühlt, wie ein postkoloniales Verfügen darüber, dass der christliche Glaube irgendwie schon immer etwas ‚westeuropäisches‘ war (oder damit, was wir darunter verstehen, zumindest sehr gut zusammenpasst) und bleiben wird.. irgendwie so. Ja, ein ganz schön komischer Satz.. aber genau den Anschein hat es oft genug. Weil, diese Assoziationen entstehen doch durch Zuschreibungen, die sich dann verfestigen und durch auch sehr kleine Details, die sich eben einschleichen und durchsetzen.

Ich will gar nicht unterstellen, dass es mit solchen Absichten passiert ist, wie die Texte angepasst wurden. (Über gravierende Übersetzungsfehler soll es hier heute noch gar nicht gehen..) Auch Luthers Ansatz, dem „Volk auf’s Maul zu schauen“ und eine Sprache zu finden, über die die Menschen tendenziell nicht zu sehr stolpern, sondern die leicht zu verstehen ist, war ja erstmal auch eine ziemlich inklusive Herangehensweise.

Wenn ich nun aber aus meinem Hier und Heute nachspüre, was für eine Wirkung ich bei mir feststelle und was für eine Dissonanz ich darüber empfinde, macht sich in mir der Wunsch breit, zu überlegen, welche Begriffe eine andere Übersetzung benötigen (dazu an anderer Stelle mehr) und eben auch, an welcher Stelle inhaltliche ‚Verdeutschungen‘ oder Latinisierungen nicht allein sprachlich, sondern auch begrifflich passierten, die sehr viel mit dem machen können, was für ein inhaltliches Verständnis bei uns dadurch entsteht, welche Konzepte wir diesen Begriffen zuschreiben.

Die Namen wiederum stehen konkret für den Menschen mit einem konkreten Hintergrund. Deshalb empfinde ich es nochmal als etwas Besonderes, wenn Menschen im Zuge von Übersetzungen mal eben umgenannt werden. Vielleicht, weil es sich dadurch so anfühlt, als ob ihre Herkunft eine andere ist? Heute ist das immer mehr in Bewegung, der Name verrät nicht unbedingt eine Herkunft. Aber in vielen Gegenden ist das eben doch noch so und zumindest drückt es eine Wertschätzung gegenüber einer bestimmten Sprache und den Orten, an denen sie gesprochen wird sowie gegenüber den Menschen aus, welche diese Sprache sprechen, wenn Namen dieser Sprache verwendet werden.

Auch heute erleben Menschen, dass ihre Namen nicht ausgesprochen werden können, weil sie zu kompliziert sind. Manchmal werden diese auf Bürgerämtern in Pässen einfach so geändert, nach dem dritten Nachfragen und kommunikativem Missverständnis.. Andererseits kann auch nicht alles 1:1 von einer Sprache in die andere übertragen werden, weil sich z.B. die Schriftzeichen gar nicht so wechselseitig entsprechen. (Mit dem Aussprechen meinem Namen haben Menschen anderer Muttersprache auch schon immer mal Probleme gehabt, da kamen teilweise lustige Wortneuschöpfungen zustande ;-))

Dass Namen abgewandelt werden, ist eben auch ein Ausdruck dessen, sich Dinge zugänglicher zu machen.

Bestünde denn aber nicht manches Mal ein reichhaltigerer Zugang gerade darin, sich von Befremden neugierig machen zu lassen? Sich darauf einzulassen, es auszuhalten, einfach auf sich wirken zu lassen.. und zu merken, dass das genau so gut sein kann?

Und mit Blick darauf, dass Yeshua in Darstellungen zunehmend weißer dargestellt wurde, wie kulturelle Aspekte, die als ‚orientalisch‘, ’nahöstlich‘ o.ä. wahrgenommen werden, bei Menschen Befremden oder Abneigung auslösen.. wäre vielleicht nochmal ein guter Ansatz, sich zu fragen, ob und warum eigentlich schon diese hebräischen Wurzeln und (nicht zuletzt die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit) in den Namen gar nicht mehr zu hören sind… zumindest mir fehlt diese Herkunft im Klang der Namen beim Lesen.

Ich freue mich davon zu hören, wenn es anderen damit ähnlich geht oder ihr noch Gedanken dazu habt. Oder auch wenn ihr gute Pro-Argumente dafür habt, warum es auch gerade gut sein kann, die lateinischen und griechischen Formen zu verwenden. 🙂

„Life isn’t about…

…finding yourself, life is about creating yourself.“ (George Bernhard Shaw)

Dieser Spruch hängt seit einer Weile über meinem Schreibtisch.

Obwohl der Verfasser dieses Spruchs schon seit siebzig Jahren tot ist, steht dieser Spruch für mich für etwas, auf das sich viele Menschen erst langsam oder noch gar nicht einlassen können, was aber etwas sehr hilfreiches ist in meinen Augen – eine konstruktivistische Denkweise. Sehr oft wird das auch missverstanden, so als ob Konstrukte nicht wirklich im Sinne von wirksam seien… dann lieber an Überzeugungen klammern, die mir sagen ich könne herausfinden „wie es wirklich ein für alle Mal für alle gültig ist“. .

Und genauso leben viele auch ihren Glauben (Life is about finding faith…einmal den richtigen Glauben gefunden muss ich diesen nur noch behalten und dann ist alles gut..) und möchten auch ihr Gottesbild, ihren Gott, einmal für immer finden. In einem bekannten freikirchlichen Lobpreislied heißt „Wir wollen dich erkennen, wie du wirklich bist“. . an dem Punkt, wo ich mich jetzt befinde, kommt mir diese Bitte seltsam und von Gott so auch gar nicht erfüllbar vor. Im Gegenteil – Ich bin froh, dass Gott (?) mich durch mein Studium und Freunde an den Konstruktivismus herangeführt hat.. weil genau das mein Herz gegenüber verschiedenen Überzeugungen, Haltungen und Glaubensrichtungen weiter macht. Passender wäre für mich zu bitten „wir wollen erkennen, welche Vorstellungen von dir und Erlebnisse mit dir auf welche Weise in unserem Leben wirksam sind“. Oder „wir wollen dich noch anders kennenlernen, als unsere Prägungen es uns vorgeben“. (Klingt zugegeben etwas sperrig für einen Liedtext ;-)). Wir wollen dich sein lassen, wie du noch sein kannst… und uns eingestehen, dass wir dich auf eine Art zu dem machen an was wir glauben. Denn sonst gäbe es doch auch nicht so unterschiedliche Gottesbilder und Arten, den Glauben zu praktizieren.

Wenn ich mir anschaue, wie pluralistisch allein die christliche Glaubenslandschaft aufgestellt ist, wie verschieden da geglaubt, gedacht und gehandelt und verkündigt wird, ist mir die Vorstellung, jede dieser unterschiedlichen Gemeinschaften hätte einen kleinen Teil dessen, ‚wie Gott wirklich ist‘, begriffen, oder aber – eine Gruppe hätte nahezu alles davon erkannt, ein bisschen absurd.

(Ist letzteres der Fall, müsste ich mich ständig fragen, ob ich der bestmöglichen Gruppierung angehöre, den „richtigsten“ aller Glauben also gefunden habe.. und müsste die anderen in irgendeiner Form bekämpfen, abwerten usw. Ist allerdings ersteres der Fall, dann kann keine Gruppierung für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich mit Gott unterwegs zu sein, sondern lediglich mit einem Teil von ihm, und welcher, ist ihnen selbst womöglich völlig unklar. Wie kann so noch ein personales Du adressiert werden..?)

Für mich ist es naheliegender, es so zu beschreiben: Alle machen sich Bilder von Gott und keines entspricht dem, wie Gott „wirklich ist“, sondern das, was Gottes Wesen und Wirken ist, kann sich anhand der Bilder, die wir uns machen, entsprechend entfalten – oder eben auch nicht. (Ob das, was wir sehen, was sich entfaltet, wiederum von uns einem Gott zugeschoben wird, oder nicht, steht sowieso nochmal auf einem anderen Blatt).

Wie oft habe ich in Gebeten gehört, dass „Gott einen Plan für dein/mein Leben“ habe… und heute denke ich mir so – nein, sorry! Gott hat mir mein Leben geschenkt. (Indirekt, indem eine von mir als Gott bezeichnete Kraft bei der Entstehung menschlichen Lebens inspirierend anwesend war und ist). Und das doch aber eben nicht um dann damit zu planen. Ich bin nicht sein Humankapital. Geschenk ist Geschenk und nicht zweckgebunden. Und es geht auch nicht um mich. Es geht um Menschen an sich.

Wenn Gott tatsächlich einen Plan hat, dann doch wohl den allgemeinen, dass Menschen lernen, menschlich miteinander umzugehen.

Was ich dafür konkret in meiner Zeit, Gesellschaft, Situation, beisteuern kann – dafür brauche ich keinen Plan rausfinden, dafür brauche ich Persönlichkeitsentwicklung und Raum zur Entfaltung. Und ein Einlassen auf diese teife innere unbekannte Inspirationsquelle, die ich als göttliches Gegenüber sowohl rational als auch intuitiv lernen kann zu erfahren..

Das ist eine andere Herangehensweise, die von außen ähnlich aussehen kann, hinter der allerdings eine ganz andere Haltung steht. Für mich ist diese Haltung heilsam.

Mir hilft es nicht mehr, Bücher zu sehen oder Predigten zu hören, die Menschen erzählen, es gäbe eine von Gott angeordnete konkrete Berufung für sie, die es nur herauszufinden und zu erfüllen gilt. Manchen mag das helfen, andern aber eben nicht. Bei vielen Menschen machen solche Aussagen sehr viel kaputt und bauen Druck auf. Und für die braucht es andere Botschaften. Zum Beispiel die: Ich darf mich von Gott inspirieren lassen und mir meine Berufung durch einen lebendigen Prozess, der kreative Begegnungen mit diesem Gott enthält, selbst erschaffen.

Wenn ich zu etwas berufen bin, dann dazu, auf mich selbst zurückgeworfen zu sein und meinem Leben eine Bedeutung und Berufung zuzuweisen. ((Hashtag Existenzialismus). Ich darf schöpferisch tätig sein. Und muss das sogar. Hallelujah, Empowerment für alle! Sounds like Jesus to me.

Ich selbst darf herausfinden, was mir liegt, mich interessiert, mein Herz schlagen lässt, mich vital macht – und genau das darf ich dann tun. Und wenn ich etwas anderes tue, dann ist das so. Ich brauche nicht mehr meine Berufung herausfinden. Wenn ich am richtigen Fleck bin, werde ich das schon merken, weil mein Umfeld mir das spiegelt und weil mein Leben sich stimmig anfühlt. (oder im Christensprech: weil es gute Früchte hervorbringt, was ich da tue. Also weil es mich und andere nährt). Weil mein Handeln in Resonanz mit meinen Haltungen und Bedürfnissen und denen anderer ist.

Um noch einen Schritt weiterzugehen- ich darf mir meinen Glauben und mein Gottesbild konstruieren – ich muss es sogar. Alle tun das ohnehin. Jede Person, welche die Bibel liest, erzeugt mit dem Hintergrund, den sie mitbringt, Bedeutungszusammenhänge für ihr Leben – oder auch nicht. Und diese unterscheiden sich.

Für manche mag der Ansatz ketzerisch sein, für andere vielleicht überlebenswichtig – wir basteln uns einen Gott und einen Glauben, der uns entspricht. Und suchen uns eine Gemeinschaft, die dazu passt und basteln uns auch diese zurecht.

Und so wie manche eben (in guter alter Tradition) sich einen Gott kreiert haben (und den nun kämpferisch zu bewahren versuchen), der bestimmte Eigenschaften hat (wie z.B. männlich) und bestimmte Menschen vom Glauben ausschließt, kreire ich mir eine:n, der:die für alle Menschen da ist und vielleicht ganz anders ist, als ich es mir bisher vorgestellt habe. (Ob ich den noch kämpferisch bewahren muss, überlege ich mir noch 😉 Ich hoffe nicht.)

Beispiel: So, wie Paulus an einer Stelle gerafft hat (was wäre passiert, wenn nicht?!), dass auch nichtjüdische Menschen zur Familie Gottes gehören können, und nicht nur Juden, so ist es vielleicht an der Zeit, zu überlegen, ob auch nichtchristliche Menschen dazu gehören können… ?

Fazit: Inwiefern darf, kann und muss sich Glauben und unser Bild davon, wie Gott ist, ändern, um heute wirklich heilsam für Menschen sein zu können? Wie lassen wir Gott sein, wie lassen wir Gott nicht sein?

Gott ist Mensch geworden, Gott ist gestorben, also liegt doch die Vermutung nahe- eine Änderung seines:ihres Zustands scheint nicht unbedingt das Problem zu sein – außer für uns Menschen…. ?!