Die feminine Gottin

Gott – das ewig herrlich-männlich-väterliche Idol? Bist du so? Bist du nur so? Oder auch noch anders?

Inzwischen erscheint es mir wie Götzendienst, dich mir als explizit männlich vorzustellen.

Und doch kenne ich es nicht anders von den Gemeinschaften, in denen ich bisher geglaubt habe, dich zu finden. Ich habe dich dort nur halb gefunden. Immer als Mann. Immer wurde über dich nur männlich gesprochen. Ich möchte das nicht mehr. Es wird dir nicht gerecht. Und es wird einer gleichberechtigten Gesellschaft und Glaubensgemeinschaft nicht gerecht.

Nun hat ein grammatikalisches Maskulinum für die tatsächlichen Eigenschaften der beschriebenen Sache ja nicht unbedingt etwas zu sagen… Der Tisch ist nicht männlicher als die Lampe. Jedoch geht es hier um eine Person – und vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Frauen durch jahrtausende andauernde patriarchale Strukturen ist es dann eben doch auch mal wichtig zu überlegen, ob das so noch Sinn macht – oder je Sinn gemacht hat.

Wir lesen, wie z.B. der Theologe Frank Crüsemann festgestellt hat, dass die Menschen ein Ebenbild von dir sind – männlich und weiblich – und du deshalb eben auch männlich und weiblich bist.

Aber glauben wir das tatsächlich? Ich habe es bisher so gut wie nie wahrgenommen, dass das einen Platz bekommt. Ja, da ist dieser Vers darüber, dass du tröstest wie eine Mutter… aber viel mehr in die Richtung kam dann auch nicht.

Bei mir hat das dazu geführt, dass es sich sehr komisch anfühlt, von dir als weiblich zu sprechen. Es hat sich eben einfach so durchgesetzt – unser Gott ist männlich. Punkt.

Ich vermute, dass Jeshua vom Vater gesprochen hat, hatte gute Gründe – weil in dieser Zeit eben ein Vater viel mehr Handlungsspielraum hatte und ernster genommen wurde. (Das gleiche gilt für die Bezeichnung „Herr“- weibliche Regierungschefs waren damals einfach nicht wirklich denkbar..). Außerdem war es in dieser Zeit wichtig, die Betonung auf einen einzelnen Gott zu legen, da sonst womöglich allzuschnell von den Menschen aus einer weiblichen und männlichen Seite ein Götterpaar gemacht worden wäre (Karl Veitschegger, 1981).

Mit seinem Leben hat Jeshua ja trotzem (oder gerade deswegen) auch gezeigt, dass Frauen gleichberechtigt sind – sei es als Gesprächspartner:innen, Zeug:innen oder als Jünger:innen bzw Apostel:innen. (Dass die später beim Aufschreiben eher wenig Raum in der Erwähnung bekommen haben, lag ja nicht an ihm). Er war außerdem durch eine weibliche Teenagerin zur Welt gekommen (was Gott sicher auch anders hätte lösen können). Und er hat auch nicht davor zurückgeschreckt, Tätigkeiten zu übernehmen, die eher von Frauen erwartet wurden. Jeshua hat sich über Kategorien hinweggesetzt (z.B. auch die des Alters) und sogar mal von einer „heidnischen“ (!) Frau(!) seine Meinung ändern lassen. All diese Dinge sind heute für viele Menschen noch genauso anstößig.

Was ich sagen will – selbst für damalige Verhältnisse waren da schon recht viele Dinge dabei, die so eigentlich skandalös waren. Aber manches hätte vielleicht wirklich nicht weiter transportiert werden können, wenn Jesus als Frau erschienen und von einem mütterlichen Gott gesprochen hätte..? (Macht er vielleicht nächstes Mal?) Weil die Menschen einfach nicht so weit waren?

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es Gott wichtig ist, als Mann betrachtet zu werden.

Nur, dass Gott möchte, dass die Menschen dieses in grenzenloser Güte regierende Wesen hinter allem entdecken, dass sich ihnen in „radikaler Akzeptanz“, wie es ein tübinger Studentenpfarrer in einer Predigt formuliert hat, zuwendet. Und dafür ist es vielleicht mehr als nötig, bestimmte Bilder von Gott loszulassen, die Menschen daran hindern, diese Güte zu erfahren…

Selbst die heilige Geistkraft, die im hebräischen weiblich ist (und im griechischen zumindest sächlich) müsste doch eigentlich als die Geistin oder wenigstens das Geistige/Geistliche in unsere Sprache eingehen und könnte das auch theologisch ziemlich unverfänglich. Tut sie aber nicht. Vielleicht weil, als sich auf die Trinität geeinigt wurde, es zu skandalös gewesen wäre, wenn da ein weiblicher Teil dabei gewesen wäre. .? Weil die Männer, die das entschieden haben, und die religiösen Systeme, die es fortgeführt haben, es nicht so gut kontrollieren und ihre Machtposition stabilisieren konnten, wenn da ein Teil Gottes keine männliche Person ist? Sondern eine weiblich-schöpferische Kraft, die weht, wo sie will?

(Zum Thema weibliche Geistkraft gibt es einen schönen Artikel von Erika Godel.)

Ich habe gar nichs gegen das Väterliche von Gott. Ich mag diesen Aspekt auch. Ich möchte nur, dass das Mütterliche und Weibliche auch Raum bekommt. Und eigentlich sind diese Attributionen (väterlich – hart, kriegerisch, wild, und mütterlich – nährend, versorgend, Leben hervorbringend, besänftigend) auch ziemlich problematisch… Weil es Konstrukte sind, welche im Wandel der Kontexte neu gefüllt oder eben verändert werden müssen – denn was ist gemeint, wenn etwas als väterlich oder mütterlich, männlich oder weiblich bezeichnet wird- und sei es ein Gott? Schnell wird hier offensichtlich, wo Konstrukte zu normativen Schablonen geworden sind, welche die Realität begrenzen.

(Ich las neulich in der Zeitschrift ‚Psychotherapie und Seelsorge‘ einen Artikel, in dem sinngemäß stand, dass väterliches Spielen für das Kind wichtig sei – weil sie mehr raufen und das Kind in die Luft werfen/gewagtere Dinge unternehmen, das Kind mehr herausfordern usw. Da habe ich mich wirklich gefragt, ob ich lachen oder weinen soll und in welchem Jahrhundert der Autor lebt. – Leider eine verpasste Chance, um mit alten Mythen aufzuräumen..)

Für mich ist der Begriff des Vaters deshalb wichtig, weil es um eine familiäre Tischgemeinschaft geht, und nicht zu allen Zeiten alle möglichen Leute daran teilnehmen durften, sondern nur nahe Verwandte. Noch immer geht es in den meisten (auch christlichen) Kleinfamilien so zu, dass sich zu allererst um die biologischen Kinder und Verwandten gedreht, für diese gelebt, gesorgt und mit diesen geteilt und Gemeinschaft gepflegt wird. Genau das ist aber nicht das, was Jeshua vorgelebt hat.

Sondern – wenn Gott unabhängig von Klasse, Geschlecht, Volk etc alle Menschen zu sich einlädt, und sich ihnen gegenüber wie ein Vater verhält (und natürlich auch wie eine Mutter), dann ist das in erster Linie ein Hinweis darauf, dass – da wo sich alle als Kinder derselben Person begreifen – alle Menschen zueinander ein Verhältnis haben können, als ob sie miteinander eng verwandt sind. Und das ist etwas wunderschönes.

Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Gott ein Geschlecht hat (Jeshua sagte mal, nicht mal die Engel haben eins) und dass es für ihn irgendeine Rolle spielt, ob wir ihn uns eher als männlich oder weiblich vorstellen.

Doch für das Leben der Menschen hier macht es einen enormen Unterschied. Und deshalb wird mir immer wichtiger, dass da eine Ausgewogenheit hineinkommt.

Wenn ich glaube, dass Gott in sich für die Würde aller Menschen und die Gleichberechtigung der Frauen einsteht (und davon bin ich überzeugt), dann möchte ich, dass das Glaubensleben (also das, wie sich täglich das Vertrauen in dieses Wesen manifestiert, wie es sich in Gemeinschaften äußert und in der Sprache darüber) das auch reflektiert. Und es macht mich traurig, dass ich bisher keine christliche Gemeinschaft kennengelernt habe, in der das passiert. (In der eben z.B. nicht „der“ heilige Geist gesagt wird, wenn darüber gesprochen wird). Ich wünsche mir, in die Richtung mehr zu entdecken. Und ich bin dankbar dafür, dass mein Gott größer ist als jede Box, in die Menschen sie stecken wollen.

Vielleicht war es sehr clever, dass im jüdischen der Name Gottes JHWH ein Räsel bleibt, nicht ausgesprochen und nur mit Umschreibungen eingegrenzt wird. Am ehesten könnte das vielleicht mit der „wehende“ und „ich werde sein, der ich sein werde“ übersetzt werden.. wie könnte, wie wird das Wesen Gottes noch sein, wenn wir es wirklich sein lassen?

Wir sollen uns kein Bild von Gott machen – ich glaube, dass das nicht wirklich möglich ist, da wir Menschen uns immer Vorstellungen von allem möglichen machen, und der rosa Elefant längst in unserem Kopf sitzt. Anstatt uns ein einziges – z.B. ausschließlich männliches- Bild zu machen, wäre es also ratsamer, uns verschiedenen Vorstellungen zu öffnen -und somit eben auch mit der als weiblich attribuierten Seite Gottes zu befassen. Und diese Seite auch einzubeziehen, zu addressieren, auch dieser Seite zu vertrauen. Die nur dann auch Raum bekommt, wenn die Vorstellung der weiblichen Gottin (für mich gerade ein guter Zwischenbegriff ;)) auch in die Sprache an und über sie Eingang findet. Für mich ist das eine spannende und ermutigende Entdeckung. Und ich will ihr diesen Raum geben.

Und es gibt wohl auch keinen besseren Zeitpunkt, eine Seite an Gott bekannt zu machen, die nicht nur alte, weiße Männer repräsentiert, als jetzt, hier und heute. Eigentlich ist es dafür schon lange höchste Zeit.

Ich danke dir von ganzem Herzen, du Ewig Werdende, die du sein wirst, dass du mir heute begegnest als die, welche du auch bist.

Harmonia Rosales – The Creation of God (2017)

2 Kommentare zu „Die feminine Gottin

  1. Auszug aus einer Auslassung über das mutmaßliche Geschlecht Gottes:
    „Wenn man sich den Begriff des Geschlechts näher anschaut, muss man erkennen, dass der Gott der monotheistischen Religionen geschlechtslos ist. Die Rede von einem Geschlecht ist nur sinnvoll im Bezug auf Wesen, die zu ihrer Vermehrung zweier Artgenossen bedürfen, bzw. wenn zur Zeugung der Nachkommen (mindestens) zwei verschiedene Ingredienzen beigesteuert werden müssen. Nun vermehrt sich Gott nicht, da er gemäß der Lehre an sich schon vollkommen und kein Mehr denkbar ist. Selbst die Zeugung Christi wäre keine Vermehrung, sondern eine „Selbstverpflanzung“. Selbst wenn Gott sich vermehrte, bedürfte er dazu keines anderen Wesens, das ihn ergänzt und mit seiner Zuarbeit Gott erst fortpflanzungsfähig machte. Auch bedürfte Gott keiner zweier verschiedener Zutaten, um etwas zu schaffen, da er angeblich aus dem Nichts schafft.
    Dass Gott häufig als männlich gedacht wird, mag mehrere Ursachen haben. Erstens wird er als Vater Jesu, Maria als dessen Mutter und somit als Gattin Gottes missverstanden. Maria war jedoch die Austrägerin des Gotteskindes, welches selbst nicht durch geschlechtlichen Verkehr zwischen Gott und Maria zustande kam.
    Zweitens war Jesus, der Gott gewordene Mensch, männlich. Es bedarf tieferer theologischer Überlegung, um festzustellen, ob und warum Jesus männlich sein musste. Dass er, um wahrhaft Mensch zu sein, irgendeine geschlechtliche Ausprägung haben musste, ist selbstverständlich. Ob er vielleicht intersexuell veranlagt war, was jedoch unverständige oder um das Unverständnis ihrer Zeitgenossen wissende Jünger verschwiegen haben mögen, ist unerheblich. Bei der Menschwerdung galt es, sich dem Wesen des Menschen zu fügen und also wesensgemäß ein Geschlecht anzunehmen, woraus jedoch nicht geschlossen werden kann, dass Gott an sich einem und welchem er angehört.
    Drittens wird Gott schon in den ältesten Überlieferungen oft als männlich dargestellt. Dies sollte allerdings als Metapher verstanden werden. In androkratischen bzw. patriarchalischen Gesellschaften, in denen Männer alle Machtpositionen besetzen, liegt es nur allzu nahe, sich einen allmächtigen Gott als männlich zu symbolisieren. Wie gesagt handelt es sich dabei jedoch nur um eine Metapher, deren tertium comparationis die Macht ist. Diese Maskulinisierung Gottes hat dann wohl auch das entsprechende Genus hervorgebracht, wiewohl das Wort Gott ursprünglich neutral gebraucht wurde. Aber ebenso wie auch andere Wörter mit maskulinem Genus nicht zwingend auf maskulines Sexus des Denotats schließen lassen (unter allen Einwohnern meiner Heimatstadt befinden sich auch Frauen, die sogar zu den Wählern gehören; unter den frei herumstreunenden Katzen konnte ich auch schon den einen oder anderen Kater ausmachen), ist das grammatische Geschlecht Gottes kein Hinweis auf sein tatsächliches.
    Was die bekannte Ausführung betrifft, dass Gott den Menschen nach seinem Abbilde schuf, sollte man genau überlegen, wie das gemeint sein kann, denn, obgleich anfangs angeblich noch unsterblich, war der Mensch beispielsweise wohl doch nicht außerhalb von Raum und Zeit. Also nur in gewissen Hinsichten kann der Mensch als Ebenbild Gottes gesehen werden, nicht in jeder. Dass dies selbst bei biblizistischer Leseweise nun gerade das Geschlecht Adams als ersten Menschen gewesen sein soll, scheint mehr als fragwürdig, zumal es ohne Geschlechtsdimorphismus kein Geschlecht gibt und Adam ohne Eva daher gar nicht hätte männlich sein können. Eher kommen die Unsterblichkeit eines jeden für sich, die Raumlosigkeit seiner Seele und die Zeitlosigkeit seines Gegenwartserlebens als gottesähnliche Eigenschaften in Frage.“

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