Der Mensch und das Soziale als sakraler Raum?

In Bezug auf das hartnäckig aufrecht erhaltene Bild von Gemeinde als eine Gottesdienst in eigenen Räumlichkeiten veranstaltende Gruppe, welches ich im letzten Beitrag hinterfragt habe, möchte ich noch auf einen Aspekt verweisen, der damit sehr eng verwoben ist – die Vorstellung, dass wir in bestimmten Orten und Zeitfenstern mehr und gezieltere Begegnung mit dem Göttlichen haben als zu anderen Zeiten und an anderen Orten.

Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass da, wo viele Menschen desselben (richtigen) Glaubens (nämlich den an Jesus Christus bzw die Dreieinigkeit) miteinander eine Versammlung haben, Gott mehr wirken kann. Dort wird das Wirken erwartet, dort wird Gott im Gebet hin eingeladen, dort ist Offenheit da und dort wird eine Verbundenheit gespürt wie es nur möglich ist unter „Glaubensgeschwistern“, also Menschen, die mit sehr ähnlichen Glaubensüberzeugungen an die selbe Vorstellung von Gott genauso unterwegs sind wie man selbst.

Und ja, in den paulinischen und anderen Briefen finden wir eine starke Tendenz vor, dass versucht wurde, derartige Versammlungen aufrecht zu erhalten – allerdings fanden diese nur zu Beginn auch im Tempel, später aber eher nicht in offiziellen tempelähnlichen Räumen, sondern in privaten Haushalten oder auch an geheimen und (sicherlich vergleichsweise ungemütlichen) Treffpunkten statt, insbesondere mit der zunehmenden Verfolgung durch die Regierung.

Erst nach dem Ende der Urgemeinde und mit wachsender Größe wurde eine Instituionalisierung mit Ämtern, gefestigten Hierarchien und einer klaren Top-Down-Strukturierung vorgenommen – wofür dann nach unterirdischen Gemäuern und privaten Häusern eben auch überirdische immer größer werdende mächtige Bauten, bis heute mindestens große Räume für viele Menschen, betrieben wurden, um diese versammeln und belehren sowie einem einheitlich ausgerichteten Glaubensleben zuführen zu können.

Jeshua hatte zwar auch im Tempel gesprochen, dort aber auch ordentlich Rabatz gemacht, als er deutlich kritisiert hat (interessanterweise übrigens nicht durch gutes Zureden, sondern durch Randale), dass der Tempelkult so eng mit Handel verbunden ist. (Vielleicht auch ein Vorbild für eine gelungene Aktion in Sachen Tierbefreiung? :))

Er hat laut Berichten gesagt, dass, wenn der Tempel eingerissen würde, er ihn in drei Tagen wieder aufbauen könnte – ein deutlicher Hinweis darauf, dass er Orte spirituellen Geschehens nicht an sakrale Gebäude geknüpft sieht, sondern an Personen, die ihr Leben in völliger Hingabe der Lebendigkeit der göttlichen Inspiration zur Verfügung stellen..

Auch Paulus hat das bekräftigt, indem er mit den früheren Texten ringt und diese auslegt, ebenso wie das, was zur Zeit von Jeshua passiert ist.

Er schlägt vor, dass ein jeder Mensch, der im Sinne von Jesus wandelt, als Tempel, als sakraler Schauplatz des Anbetens und Wirkens Gottes, fungieren kann.

Wenn ich das noch etwas weiterführe und unter systemischen Gesichtspunkten betrachte, dann stellt sich dieser Entwurf heute für mich so dar, dass nicht nur eine einzelne Person, sondern ihre ganzen sozialen Beziehungen, die diese Person ja mit ausmachen, (mindestens potentiell) Schauplatz und Ort des heiligen Geschehens und des Huldigens eines:r gütigen Lebendigen sind.

Und dass ich wie auch alle anderen dort (also in diesen Kontakten) mich pastoral-priesterlich ins Geschehen einbringen, in Meditation und Kontemplation (oder wie auch immer ich bete) auftanken/in mich gehen kann, etwas von dem, was ich von Jeshua aus den Schriften oder seiner Gesinnung die noch in dieser Welt aktiv ist, gelernt habe, irgendwie anwenden und so teilen kann, dass ich auch zuhöre und versuche, durch mein Gegenüber etwas zu lernen, was meinen Glauben auch herausfordern darf.. und den Fokus darauf richten kann, Segen zu sein und zu empfangen. (Eben all das, was mensch sonst so in „Gottesdiensten“ aka kirchlichen Veranstaltungen so tut).

Das passt dann auch tatsächlich zum paulinischen Vorschlag, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein soll, denn dies ist die Schlussfolgerung daraus – mein Leib, mein leibliches Erleben, findet 24-7 statt, nicht nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten. Gemeint ist sicherlich nicht, dass wir uns durchweg in einer Wolke ekstatischen Jubels befinden, wohin wir auch gehen und was wir auch tun. Aber dass wir die Nähe des und zum Göttlichen jederzeit an jedem Ort erwarten dürfen.

Natürlich können spezielle Orte und Zeiten mir besonders helfen, mich auf das Wahrnehmen des Göttlichen zu besinnen, etwas davon zu teilen usw. Aber sie sind nicht Bedingung für das Handeln Gottes an mir und mein göttlich inspiriertes Handeln. Und im Gegenteil – wenn mir Gott einfach ganz wo anders begegnen kann und möchte, bekomme ich das eventuell gar nicht mit, weil ich so darauf fixiert bin, nur durch christliche Bücher, nur durch Anbetungslieder, nur durch Vorträge in Gottesdienstveranstaltungen und nur in Gesprächen, die betend von anderen gesprochen werden, mit dem göttlichen Wirken konfrontiert zu werden- oder es sich dort besonders heilig und wertvoll präsentiert.

Das Handeln von Jeshua, der sich zu vielen Zeiten einfach irgendwo draußen oder zwischen Menschen aufgehalten hat, im alltäglichen Leben, und das Heilige dort hingebracht oder aufgezeigt hat, spiegelt genau das wider.

(Aus den eben aufgeführten Gründen lehne ich es inzwischen ab, davon zu sprechen, dass jemand „im Gottesdienst saß“, „zum Gottesdienst geht“, „beim Gottesdienst gewesen ist“, „zum Gottesdienst eingeladen wurde“ usw. Da ich es von außen einfach nicht beurteilen kann, ob wer, nur weil er:sie einer Veranstaltung beigewohnt hat, die sich so nennt, darin mit Gott in Interaktion getreten ist und Gott gedient, also Gott und Mitmenschen geliebt und sich ihnen verschenkt, hat.

Korinthenkackerei? Vielleicht. Vielleicht aber auch wichtig, um Mauern in den Köpfen nicht mehr weiter zu zementieren. Und ging es nicht eigentlich darum, eine Art Gott kennengelernt zu haben, der:die gerade nicht Wert darauf legt, dass ein religiöser Kult vollzogen wird – irgendwo hinpilgern, etwas opfern, das Gefühl haben, damit etwas wichtiges abgeleistet zu haben für Gott und einen selbst, wieder nach Hause gehen-? Warum wird dann immer wieder dieser Weg eingeschlagen?

Vor diesem Hintergrund schließt sich – analog zur Tempelreinigung- passend die Ausführung von Dorothee Sölle an (in „Mystik und Widerstand“), die in Anlehnung an Meister Eckhart beschreibt, dass unsere Beziehungen – sowohl zu unseren Mitmenschen, als auch zu Gott, sehr kaufmännisch ablaufen und von einem hohen Maß an Zweckrationalität bestimmt sind, „die jedes grundlose Dasein verbietet“. Und wir zurück finden müssen zu einer Art zu Beten, Beziehungen zu führen und mit Gott zu sein, die darauf beruht zu lieben, einfach um der Liebe selbst, zu leben, um zu leben, und nicht mehr zweckrational begründen zu müssen, was uns etwas bringt.

Viele von uns haben sicher bemerkt, wie sich so eine Kosten-Nutzen-Abwäge-Denkweise längst eingeschlichten hat, die natürlich nicht erst seit die kapitalistische Gesellschaftsordnung existiert, davon aber gewiss nochmals tiefgreifend befeuert wurde – das zeigt sich z.B. daran wie häufig wir „Lasst uns mal beten“ damit verbinden zu denken, dass das bedeutet, dass wir nacheinander sagen „Hey Gott, danke für.. und bitte mach doch noch.. bitte schenk doch..“. Wir erkennen es auch daran, dass wir überlegen, ob wir „zu einem Gottesdienst gehen“ – im Sinne von – ob es sich lohnt, es uns was bringt (oder wir was geben können?), dass wir über Gemeindeprozesse so reden, dass wir „etwas investieren“ wollen, und so weiter…

Und was Gott angeht ebenso – was bringt es mir noch, an Gott zu glauben? Was bringt es mir (oder anderen), Christ zu sein…

Liebe ich Gott, um ein angenehmeres Leben haben zu können? Um in den Himmel zu kommen? Um mich sicher zu fühlen? … wie würde sich meine Beziehung zu ihr:ihm verändern, wenn ich Gott einfach lieben würde, weil ich sie:ihn, die Liebe, das Leben etc. liebe? (Um der Liebe und des Lebens willen… dann gäbe es auch keine Überzeugungsarbeit zu leisten, wenn ich einfach Menschen sage „Ich liebe es/ihn/sie“ – ich kann natürlich noch benennen, warum genau,was ich spezifisch liebgewonnen habe – und das kann von niemandem bestritten und weggenommen werden. Jemand anders kann das Göttliche anders beschreiben, erleben, eine andere Beziehung dazu haben- und wir können uns austauschen und sehen, inwiefern wir uns davon prägen lassen oder die Verschiedenheit stehenlassen wollen.)

D. Sölle schreibt: „Frei werden wir, wenn wir „ledig“ von Ängsten und Zwängen“ in Gottes Gegenwart da sind – ohne warum.“

Die zwei Stränge noch einmal zusammengefasst:

Der Messias lässt sich nicht in heiligen Räumen, die von Rechtgläubigen verwaltet werden, verehren, sondern ist mitten unter allen möglichen (und unmöglichen) Menschen zu finden, ja sogar unter Bedürftigen, die nichts vorweisen können. Bei den nackten, hungrigen, gefangenen, fremden. Und wenn wir ehrlich sind, gibt es auch genug Menschen, denen es an Essen, Kleidung, Unterkunft, Wärme, Freiheit usw mangelt. Was für einen Grund gibt es, sich abseits dieser Menschen zu treffen als vermeintlich „Gerettete“ um einen Gott zu loben, der:die Ungerechtigkeit hasst?

Was folgt für mich daraus? Gottesdienstartige Veranstaltungen wurden seit Jeshua und spätestens der Heiligen Geistin obsolet, mindestens fraglich in Häufigkeit und Fokus, der ihnen zugestanden wird sowie dem Grundkonzept, verlieren ihre Legitimation, respektive finden spontan und überall statt, wo Gott es möchte, überall und immer dann, wenn ich mich darauf einlasse – ich selbst, mein Leben, meine Bezüge, verschiedenste Arten von verbindliche Gruppen/ Engagements/ Foren/ Veranstaltungen, meine relationalen Interaktionen, spontane Begegnungen und auch mein Bezug zu mir selbst – das alles sind gottesdienst-analoge Zeiten und Orte.

Fazit:

Mir gefällt die Vorstellung, dass Jeshua heute 1. uns daran erinnert, dass wir aufhören sollen, ständig neue „Tempel“ einzurichten – sakrale Gebäude, kirchliche Räume usw, da sich Gott an jedem Ort und zu jeder Zeit zwischenmenschlich manifestieren und dort Momente und Begegnungen zu Gottesdiensten machen kann und will. Und diese starke Fixierung auf heilige Orte dem nur im Wege steht und sogar die Kapazitäten von Gott wahnsinnig schmälert… wir begrenzen Gott und sperren sie ein, die heilige Geistkraft, weil wir sie für uns Christen pachten und sie nur für uns zugängig wissen wollen.

Und 2. nimmt die Kraft von Jeshua vielleicht auch heute eine Tempelreinigung vor, indem sie unsere Beziehungen – die zu uns selbst, zu unseren Partner:innen, Freunden und Gruppierungen und zum göttlichen Lebensatemn JHWH selbst, von den ökonomisierten Vorstellungen, dass wir Handel betreiben müssten, befreien möchte.

Wir drehen uns dann nicht länger zu besonderen heiligen Anlässen um die immer gleichen Menschen der Ingroup und setzen uns nicht nur für die ein, die uns/einem bestimmten Land/wemauchimmer, auch „etwas zurückgeben“ können. Sondern wir behandeln sie wertschätzend, einfach weil sie fühlende Wesen sind und wir überzeugt sind, dass Menschen und Tiere und Lebensräume würdig behandelt werden sollen, weil sich jederzeit Gott darin zeigen kann.
Wenn ich mir vorstelle, dass sich die messianische Kraft als ein inspiriertes, verbindendes, heilsames Ereignis, gerade dort zeigt, wo ich es am wenigsten erwarte, dann bleibt mir gar nichts übrig, als mich darauf einzulassen, dass alle Menschen gleich wichtig sind. Und mich mit Ausgegrenzten zu solidarisieren und Gott darin nahe zu sein, zu begegnen und zu dienen und mir durch sie dienen zu lassen.

Das ist für mich eine gelebte frohe Botschaft, die sich nicht primär in heiligen Veranstaltungen und Räumen mit Leben füllen lässt und darin nicht ihr Ziel noch ihre hauptsächliche Kraft entfalten kann. Sondern anderes herum- da, wo auch immer solches gelebt wird, verwandeln sich Allerweltsplätze und alltägliche Zeitfenster plötzlich in sakrale Orte und Momente, und zu einer Begegnung mit dem Lebendigen selbst.

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