Überall und nirgends

Ich dachte ich finde dich nur im Licht, aber dann bist du zur Dunkelheit geworden, und warst noch immer du.

Ich dachte ich finde dich bei den Geretteten, aber dann bist du mir bei den Verloren geglaubten begegnet, und warst noch immer du.

Ich dachte du bist im Leben und in der Auferstehung, aber dann warst du auch im Tod und bist gestorben. Und auch das warst immer noch du.

Ich verortete dich in der Heilung und in der Gesundheit, aber dann warst du auch in der Krankheit, wurdest zum tiefsten Schmerz und selbst in der Schwäche bist du anwesend.

Ich besang deine Größe und doch begegnest du mir in so vielem Kleinen.

Ich habe deine Fülle gepriesen, und du bist zur großen Leere geworden.

Manche verorten dich im Erfolg, im Wachstum und im Weiterkommen – und doch warst du mir nie näher als im Zurückgehen, im Runterschrauben und Loslassen und Anhalten.

Ich meinte du seist die Wärme, aber jetzt, wo mir soviel Kälte entgegenschlägt, nehme ich dich anders wahr und lerne zu schätzen, wie du Veraltetes einfrieren und aufbrechen lässt.

Und dann merke ich: All diese Kategorien machen gerade gar keinen Sinn mehr für mich.

Denn wenn die Kälte mich zu dir führt, warum sollte ich sie verdammen?

Wenn das Scheitern, das Kaputte mich und meinen Glauben ausmachen, ja auch dein Wirken bestimmt haben, warum muss ich deinen Sieg proklamieren? Wieso kann mich ein Gott, der das Leiden und Scheitern des Göttlichen nicht nur zugelassen hat, sondern freiwillig verkörpert hat, nicht in einen gesunden Glauben führen, viel mehr, als es ein siegreicher religiöser allmächtiger je könnte?

Wenn ich dich überall und in allen Geschöpfen und Situationen finden kann, warum sollte ich irgendwelche Orte, Menschen oder Zeitfenster als heilig und andere als weltlich abtun?

Dass selbst das Dunkle mir zum Licht wird, das Verlorene mich findet und mir so zu dir wird, du dich ins Ausgegrenzte entgrenzt und sowieso alles zu beleben imstande bist, das ist doch das wahre Geheimnis.

Wenn du überall bist, wenn du Liebe für alle hast, dann braucht es kein schwarz und weiß mehr, kein richtig und falsch und kein draußen und drinnen. Zuhause kann überall sein und ist doch nirgendwo als nur da, wo innerer Frieden in äußeren hineinfließt.

Und ich finde und brauche keinen Ort, an dem ich meinen Kopf ablegen kann, als nur den, den ich mir freiwillig suche – denn ich möchte ja auch noch selber denken.

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