Fremde Namen

In mir ist in den letzten Jahren vermehrt die Frage aufgestiegen, warum in den vielen Bibelübersetzungen eigentlich so selbstverständlich die Namen von Menschen übersetzt wurden. (Theolog:innen vor, wenn da wer eine Antwort hat! :)) Ich meine, insbesondere im neuen Testament. Vielleicht ist das vor allem einer leichteren Lesbarkeit, aber auch Vertrautheit geschuldet, die damit einhergeht? Das klingt vielleicht erstmal gut – ich finde es aber sehr schade.

Ich habe gemerkt, dass es mich irgendwie entfremdet.

Auch wenn ein gemeinsamer sprachlicher und herkunftlicher Hintergrund natürlich nur eine Dimension für das Erleben von Menschen in der damaligen dortigen Gesellschaft war, empfinde ich es dennoch wichtig, diese mit einzubeziehen. Wenn ich also Texte lese, bin ich immer dankbar, kluge Gedanken kluger Menschen zu den Hintergründen mit einbeziehen zu können. Denn vieles erklärt sich nicht einfach von selbst.

Aber dann auch einfach mal ein hebräisches Wort zu hören, mögliche Bedeutung(en) zu erfahren, aber es auch einfach auf mich wirken zu lassen, löst beim Lesen nochmal etwas Besonderes aus und ermöglicht mir einen Zugang auf einer anderen Ebene.

Vor kurzem habe ich mir die Bibel in gerechter Sprache zugelegt. Sehr schön ist es darin gelungen, Gott in der Übersetzung z.B. immer mal als „die Ewige“ oder „Adonaj“ zu beschreiben, sodass es sich abwechselt, und nicht nur ein einseitiges Bild abgegeben wird.

Was mir noch immer fehlt, ist, dass statt „Jesus“ mal Yehoshua oder Yeshua da steht. Dass wir von Mirjam lesen statt von Maria. Jochanan statt Johannes, Matityahu statt Matthäus, Elischewa statt Elisabeth usw.

Ist doch völlig egal, mögen manche sagen. Aber ist es das wirklich? Für mich entsteht durch die Verwendung der aramäischen und hebräischen Formen, da wo es möglich wäre und auch dem entsprochen hat, wie Personen tatsächlich eher angeredet wurden, automatisch mehr Nähe zu damals, zu dort.

Und auch ein bisschen Befremden. Im besten Sinne. Es fühlt sich irgendwie weniger so an, als ob ich mit meiner Sprache etwas vereinnahme, was nicht vereinnahmt gehört.

Und ja, ich würde mir etwas komisch vorkommen, immer wenn ich über ihn rede, Yeshua statt Jesus zu sagen. Aber eigentlich wünsche ich mir die Freiheit, das zu machen.

Weil ich mit der Latinisierung irgendwie immer die römische Besatzung und auch die starke Institutionalisierung und Zusammenlegung des christlichen Glaubens mit der Staatsmacht in konstantinischer Zeit verbinde. Und weil es sich sogar fast anfühlt, wie ein postkoloniales Verfügen darüber, dass der christliche Glaube irgendwie schon immer etwas ‚westeuropäisches‘ war (oder damit, was wir darunter verstehen, zumindest sehr gut zusammenpasst) und bleiben wird.. irgendwie so. Ja, ein ganz schön komischer Satz.. aber genau den Anschein hat es oft genug. Weil, diese Assoziationen entstehen doch durch Zuschreibungen, die sich dann verfestigen und durch auch sehr kleine Details, die sich eben einschleichen und durchsetzen.

Ich will gar nicht unterstellen, dass es mit solchen Absichten passiert ist, wie die Texte angepasst wurden. (Über gravierende Übersetzungsfehler soll es hier heute noch gar nicht gehen..) Auch Luthers Ansatz, dem „Volk auf’s Maul zu schauen“ und eine Sprache zu finden, über die die Menschen tendenziell nicht zu sehr stolpern, sondern die leicht zu verstehen ist, war ja erstmal auch eine ziemlich inklusive Herangehensweise.

Wenn ich nun aber aus meinem Hier und Heute nachspüre, was für eine Wirkung ich bei mir feststelle und was für eine Dissonanz ich darüber empfinde, macht sich in mir der Wunsch breit, zu überlegen, welche Begriffe eine andere Übersetzung benötigen (dazu an anderer Stelle mehr) und eben auch, an welcher Stelle inhaltliche ‚Verdeutschungen‘ oder Latinisierungen nicht allein sprachlich, sondern auch begrifflich passierten, die sehr viel mit dem machen können, was für ein inhaltliches Verständnis bei uns dadurch entsteht, welche Konzepte wir diesen Begriffen zuschreiben.

Die Namen wiederum stehen konkret für den Menschen mit einem konkreten Hintergrund. Deshalb empfinde ich es nochmal als etwas Besonderes, wenn Menschen im Zuge von Übersetzungen mal eben umgenannt werden. Vielleicht, weil es sich dadurch so anfühlt, als ob ihre Herkunft eine andere ist? Heute ist das immer mehr in Bewegung, der Name verrät nicht unbedingt eine Herkunft. Aber in vielen Gegenden ist das eben doch noch so und zumindest drückt es eine Wertschätzung gegenüber einer bestimmten Sprache und den Orten, an denen sie gesprochen wird sowie gegenüber den Menschen aus, welche diese Sprache sprechen, wenn Namen dieser Sprache verwendet werden.

Auch heute erleben Menschen, dass ihre Namen nicht ausgesprochen werden können, weil sie zu kompliziert sind. Manchmal werden diese auf Bürgerämtern in Pässen einfach so geändert, nach dem dritten Nachfragen und kommunikativem Missverständnis.. Andererseits kann auch nicht alles 1:1 von einer Sprache in die andere übertragen werden, weil sich z.B. die Schriftzeichen gar nicht so wechselseitig entsprechen. (Mit dem Aussprechen meinem Namen haben Menschen anderer Muttersprache auch schon immer mal Probleme gehabt, da kamen teilweise lustige Wortneuschöpfungen zustande ;-))

Dass Namen abgewandelt werden, ist eben auch ein Ausdruck dessen, sich Dinge zugänglicher zu machen.

Bestünde denn aber nicht manches Mal ein reichhaltigerer Zugang gerade darin, sich von Befremden neugierig machen zu lassen? Sich darauf einzulassen, es auszuhalten, einfach auf sich wirken zu lassen.. und zu merken, dass das genau so gut sein kann?

Und mit Blick darauf, dass Yeshua in Darstellungen zunehmend weißer dargestellt wurde, wie kulturelle Aspekte, die als ‚orientalisch‘, ’nahöstlich‘ o.ä. wahrgenommen werden, bei Menschen Befremden oder Abneigung auslösen.. wäre vielleicht nochmal ein guter Ansatz, sich zu fragen, ob und warum eigentlich schon diese hebräischen Wurzeln und (nicht zuletzt die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit) in den Namen gar nicht mehr zu hören sind… zumindest mir fehlt diese Herkunft im Klang der Namen beim Lesen.

Ich freue mich davon zu hören, wenn es anderen damit ähnlich geht oder ihr noch Gedanken dazu habt. Oder auch wenn ihr gute Pro-Argumente dafür habt, warum es auch gerade gut sein kann, die lateinischen und griechischen Formen zu verwenden. 🙂

„Life isn’t about…

…finding yourself, life is about creating yourself.“ (George Bernhard Shaw)

Dieser Spruch hängt seit einer Weile über meinem Schreibtisch.

Obwohl der Verfasser dieses Spruchs schon seit siebzig Jahren tot ist, steht dieser Spruch für mich für etwas, auf das sich viele Menschen erst langsam oder noch gar nicht einlassen können, was aber etwas sehr hilfreiches ist in meinen Augen – eine konstruktivistische Denkweise. Sehr oft wird das auch missverstanden, so als ob Konstrukte nicht wirklich im Sinne von wirksam seien… dann lieber an Überzeugungen klammern, die mir sagen ich könne herausfinden „wie es wirklich ein für alle Mal für alle gültig ist“. .

Und genauso leben viele auch ihren Glauben (Life is about finding faith…einmal den richtigen Glauben gefunden muss ich diesen nur noch behalten und dann ist alles gut..) und möchten auch ihr Gottesbild, ihren Gott, einmal für immer finden. In einem bekannten freikirchlichen Lobpreislied heißt „Wir wollen dich erkennen, wie du wirklich bist“. . an dem Punkt, wo ich mich jetzt befinde, kommt mir diese Bitte seltsam und von Gott so auch gar nicht erfüllbar vor. Im Gegenteil – Ich bin froh, dass Gott (?) mich durch mein Studium und Freunde an den Konstruktivismus herangeführt hat.. weil genau das mein Herz gegenüber verschiedenen Überzeugungen, Haltungen und Glaubensrichtungen weiter macht. Passender wäre für mich zu bitten „wir wollen erkennen, welche Vorstellungen von dir und Erlebnisse mit dir auf welche Weise in unserem Leben wirksam sind“. Oder „wir wollen dich noch anders kennenlernen, als unsere Prägungen es uns vorgeben“. (Klingt zugegeben etwas sperrig für einen Liedtext ;-)). Wir wollen dich sein lassen, wie du noch sein kannst… und uns eingestehen, dass wir dich auf eine Art zu dem machen an was wir glauben. Denn sonst gäbe es doch auch nicht so unterschiedliche Gottesbilder und Arten, den Glauben zu praktizieren.

Wenn ich mir anschaue, wie pluralistisch allein die christliche Glaubenslandschaft aufgestellt ist, wie verschieden da geglaubt, gedacht und gehandelt und verkündigt wird, ist mir die Vorstellung, jede dieser unterschiedlichen Gemeinschaften hätte einen kleinen Teil dessen, ‚wie Gott wirklich ist‘, begriffen, oder aber – eine Gruppe hätte nahezu alles davon erkannt, ein bisschen absurd.

(Ist letzteres der Fall, müsste ich mich ständig fragen, ob ich der bestmöglichen Gruppierung angehöre, den „richtigsten“ aller Glauben also gefunden habe.. und müsste die anderen in irgendeiner Form bekämpfen, abwerten usw. Ist allerdings ersteres der Fall, dann kann keine Gruppierung für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich mit Gott unterwegs zu sein, sondern lediglich mit einem Teil von ihm, und welcher, ist ihnen selbst womöglich völlig unklar. Wie kann so noch ein personales Du adressiert werden..?)

Für mich ist es naheliegender, es so zu beschreiben: Alle machen sich Bilder von Gott und keines entspricht dem, wie Gott „wirklich ist“, sondern das, was Gottes Wesen und Wirken ist, kann sich anhand der Bilder, die wir uns machen, entsprechend entfalten – oder eben auch nicht. (Ob das, was wir sehen, was sich entfaltet, wiederum von uns einem Gott zugeschoben wird, oder nicht, steht sowieso nochmal auf einem anderen Blatt).

Wie oft habe ich in Gebeten gehört, dass „Gott einen Plan für dein/mein Leben“ habe… und heute denke ich mir so – nein, sorry! Gott hat mir mein Leben geschenkt. (Indirekt, indem eine von mir als Gott bezeichnete Kraft bei der Entstehung menschlichen Lebens inspirierend anwesend war und ist). Und das doch aber eben nicht um dann damit zu planen. Ich bin nicht sein Humankapital. Geschenk ist Geschenk und nicht zweckgebunden. Und es geht auch nicht um mich. Es geht um Menschen an sich.

Wenn Gott tatsächlich einen Plan hat, dann doch wohl den allgemeinen, dass Menschen lernen, menschlich miteinander umzugehen.

Was ich dafür konkret in meiner Zeit, Gesellschaft, Situation, beisteuern kann – dafür brauche ich keinen Plan rausfinden, dafür brauche ich Persönlichkeitsentwicklung und Raum zur Entfaltung. Und ein Einlassen auf diese teife innere unbekannte Inspirationsquelle, die ich als göttliches Gegenüber sowohl rational als auch intuitiv lernen kann zu erfahren..

Das ist eine andere Herangehensweise, die von außen ähnlich aussehen kann, hinter der allerdings eine ganz andere Haltung steht. Für mich ist diese Haltung heilsam.

Mir hilft es nicht mehr, Bücher zu sehen oder Predigten zu hören, die Menschen erzählen, es gäbe eine von Gott angeordnete konkrete Berufung für sie, die es nur herauszufinden und zu erfüllen gilt. Manchen mag das helfen, andern aber eben nicht. Bei vielen Menschen machen solche Aussagen sehr viel kaputt und bauen Druck auf. Und für die braucht es andere Botschaften. Zum Beispiel die: Ich darf mich von Gott inspirieren lassen und mir meine Berufung durch einen lebendigen Prozess, der kreative Begegnungen mit diesem Gott enthält, selbst erschaffen.

Wenn ich zu etwas berufen bin, dann dazu, auf mich selbst zurückgeworfen zu sein und meinem Leben eine Bedeutung und Berufung zuzuweisen. ((Hashtag Existenzialismus). Ich darf schöpferisch tätig sein. Und muss das sogar. Hallelujah, Empowerment für alle! Sounds like Jesus to me.

Ich selbst darf herausfinden, was mir liegt, mich interessiert, mein Herz schlagen lässt, mich vital macht – und genau das darf ich dann tun. Und wenn ich etwas anderes tue, dann ist das so. Ich brauche nicht mehr meine Berufung herausfinden. Wenn ich am richtigen Fleck bin, werde ich das schon merken, weil mein Umfeld mir das spiegelt und weil mein Leben sich stimmig anfühlt. (oder im Christensprech: weil es gute Früchte hervorbringt, was ich da tue. Also weil es mich und andere nährt). Weil mein Handeln in Resonanz mit meinen Haltungen und Bedürfnissen und denen anderer ist.

Um noch einen Schritt weiterzugehen- ich darf mir meinen Glauben und mein Gottesbild konstruieren – ich muss es sogar. Alle tun das ohnehin. Jede Person, welche die Bibel liest, erzeugt mit dem Hintergrund, den sie mitbringt, Bedeutungszusammenhänge für ihr Leben – oder auch nicht. Und diese unterscheiden sich.

Für manche mag der Ansatz ketzerisch sein, für andere vielleicht überlebenswichtig – wir basteln uns einen Gott und einen Glauben, der uns entspricht. Und suchen uns eine Gemeinschaft, die dazu passt und basteln uns auch diese zurecht.

Und so wie manche eben (in guter alter Tradition) sich einen Gott kreiert haben (und den nun kämpferisch zu bewahren versuchen), der bestimmte Eigenschaften hat (wie z.B. männlich) und bestimmte Menschen vom Glauben ausschließt, kreire ich mir eine:n, der:die für alle Menschen da ist und vielleicht ganz anders ist, als ich es mir bisher vorgestellt habe. (Ob ich den noch kämpferisch bewahren muss, überlege ich mir noch 😉 Ich hoffe nicht.)

Beispiel: So, wie Paulus an einer Stelle gerafft hat (was wäre passiert, wenn nicht?!), dass auch nichtjüdische Menschen zur Familie Gottes gehören können, und nicht nur Juden, so ist es vielleicht an der Zeit, zu überlegen, ob auch nichtchristliche Menschen dazu gehören können… ?

Fazit: Inwiefern darf, kann und muss sich Glauben und unser Bild davon, wie Gott ist, ändern, um heute wirklich heilsam für Menschen sein zu können? Wie lassen wir Gott sein, wie lassen wir Gott nicht sein?

Gott ist Mensch geworden, Gott ist gestorben, also liegt doch die Vermutung nahe- eine Änderung seines:ihres Zustands scheint nicht unbedingt das Problem zu sein – außer für uns Menschen…. ?!

Los geht’s!

Das letzte Mal, dass ich gebloggt habe, ist ein paar Jahre her: Der Blog hieß „umjogoforadecasa“ (zu deutsch: Auswärtsspiel) und handelte von meinem Praktikum in einem Hort in Brasilien.

Auch diesmal bedient sich der Titel meines Blogs aus mir unbekannten Gründen einer Fußballmetapher 😀

Und irgendwie fühlt es sich so ähnlich an, wie ein Auslandsaufenthalt – ich bin im Neuland unterwegs, mache spannende Entdeckungen, lasse mich irritieren, lasse manches hinter mir, mache ungewohnte Erfahrungen, „fremde“ Gerüche, Geräusche und sonstige Eindrücke werden immer mehr zu welchen, die ich nicht mehr missen möchte. Manchmal spielt Heimweh eine Rolle, aber hinterher bin ich nicht mehr die selbe. Und einen Teil meines Lebens habe ich dort verbracht.

Genau das passiert mir gerade mit meinem Glauben.

Dich, liebe:r Leser:in, lade ich herzlich dazu ein, dich auf Einblicke in diese Reise einzulassen. Ein bisschen teilzunehmen, sie auf dich wirken zu lassen. Dich in mich hineinzuversetzen. Und vielleicht etwas vorzufinden, was du dir mitnehmen möchtest. 🙂

Es wird hier aus Sicht mancher inhaltlich ziemlich unkonventionell und potentiell provokant zugehen. Das sei mal als allgemeine Triggerwarnung für eher an beständigen fundamental-festen Ansichten orientierte Leser:innen noch hier angemerkt. =)

Ich strecke mich aus, nach dem was vor mir liegt.

Und freue mich über Menschen, mit denen ich dabei in Kontakt und Begegnung sein darf.

Sylvi