Die drei Brunnen III – sich mit der kreativen Quelle verbinden (Let it flow!)

Die Autorin Julia Cameron beschreibt in ihrem großartigen Buch „Der Weg des Künstlers“ einen dritten Brunnen, den ich hier vorstellen möchte.

Sie stellt darin einen von ihr entwickelten vielschrittigen Zugang dar, den eigenen inneren blockierten Künstler* zu heilen und erläutert, wie es auch eine Verbindung zu Gott -als dem:der Kreativ Schaffenden schlechthin- schafft, wenn wir uns auf die in uns angelegte Kreativität einlassen. Besonders für Menschen, denen eine apologetische oder bibliozentrische Ebene nicht (mehr) ausreichend ist, um zu einem mündigen und belastbaren Glauben zu finden, kann es also auch ein Weg sein, zu einer neuen Art von Spiritualität zu finden, die sich als gesund erweist. (Mir fielen einige Parallelen zur Mystik auf).

Nun vergleicht die Autorin den spirituell-kreativen Zugang im eigenen Inneren an einer Stelle mit einem Brunnen, der Brunnen gefüllt werden muss. Oder auch einem Teich, welcher gepflegt werden muss. Beides Bilder dafür, dass wir nicht nur lernen dürfen, die innere Quelle anzuzapfen, sondern auch, sie volllaufen zu lassen, um dahingehend sozusagen autark leben zu können.

Cameron spricht von diesem „künstlerischen Reservoir“, einem inneren kreativen „Ökosystem„, das wir „erhalten müssen“, indem wir es vor „Überfischung“ bewahren: den Brunnen also nicht immer nur leeren, sondern auch dafür zu sorgen, ihn auch immer wieder aufzufüllen. Es geht um Selbstsorge und gesunden Rhythmus mit Blick auf die eigenen kreativen Ressourcen. Und um ein Abchecken, ob wir noch mit der richtigen Quelle verbunden sind, nämlich der, in welcher Fülle vorhanden ist.

Um was für eine Fülle geht es denn nun?

„Die Sprache der Kunst besteht aus Bildern und Symbolen. Sie ist eine wortlose Sprache, selbst wenn unsere Kunst darin besteht, sie mit Worten zu jagen.“

„Die Sprache des Künstlers ist sinnlich, eine Sprache der gefühlten Erfahrung. Wenn wir an unserer Kunst arbeiten, tauchen wir in den Brunnen unserer Erfahrung ein und graben Bilder aus.“

Voraussetzung dafür, dass wir das tun können, ist es, den Brunnen mit Bildern zu „füttern“… und zwar mit kreativen Impulsen.

Zum Füllen des Brunnens eignen sich eine Reihe von sensorischen Eindrücken, die unser Künstlergehirn nähren: Visuelle Eindrücke, Klang, Gerüche, Geschmack, Berührung, Vergnügen, Spaß, Faszinierung, Mysterien, Magie. (Natürlich geht es nicht um Zauberei, sondern um den Zauber dessen, mit kindlicher Freude das Leben zu entdecken.)

Hierfür benötigen wir Aufmerksamkeit. (Oder, um ein inzwischen etwas ausgeleihertes Trendwort zu bemühen, Achtsamkeit ;-)).

Erfahrungen zu reflektieren und wahrzunehmen, welche Eindrücke sie hinterlassen, kann ebenfalls Futter für den kreativen Verwertungsprozess liefern. (Ich muss dabei an die Psalmen denken, welche ein gutes Beispiel dafür sind, wie es als kollektiv hilfreich empfunden werden kann, wenn ein Individuum seine inneren Prozesse ins Außen verarbeitet, jenseits aller Dogmen, wobei die natürlich ebenso mit einfließen, sofern sie als Eindrücke zugänglich gemacht werden. Manche mögen sie womöglich eher als Tanz oder Dialog zwischen sensorischen Empfindungen und Dogmen verstehen).

„Die Kunst scheint manchmal dem Schmerz zu entspringen, aber vielleicht liegt das daran, dass der Schmerz dazu dient, unsere Aufmerksamkeit auf Details zu lenken“, die uns dann nachhängen und zu Kunst werden.

Aber es muss nicht immer etwas Ausgefallenes sein, auch repetitive, regelmäßige Aktivitäten wie Handarbeiten (unter denen z.B. Jane Austen schrieb) wie auch Gemüse schneiden oder auf der Autobahn fahren. (Bitte nicht beides gleichzeitig…!) Das Ziel besteht darin, das Künstlergehirn zu aktivieren und dadurch in einen Fluss auftauchender Bilder hineintauchen zu können.

Anstatt also zwanghaft zu lesen, wenn wir im Zug oder im Sessel sitzen, gilt es, unsere fokussierte Aufmerksamkeit anzuknipsen: „Wir müssen uns unseren Lebenserfahrungen stellen, anstatt sie zu ignorieren. Kunst ist Phantasie im Spiel auf dem Feld der Zeit. Spielen Sie.“

Für mich erscheint das im Kontrast zu stehen zu dem, wie ich Glauben gelernt habe – was wir fühlen, erfahren, erspüren, er-leben und wahrnehmen, ist nicht so wichtig wie das, was gelehrt wird, was wir lesen, was uns beigebracht wurde. Auch wenn es Raum für scheinbar kreative Elemente gab (z.B. in Form emotionaler Lobpreis-Sessions), war doch immer ein starker Rahmen dafür da, wie diese Zeiten so abzulaufen haben. Starke Abweichungen führen zu Verunsicherung, wir möchten aber lieber Sicherheiten vorfinden und nur einen gewissen Grad an Herausforderung. Dieses Thema beschäftigt mich nach wie vor sehr, da ich inzwischen immer mehr glaube, dass wir so viele innere Künstler*innen blockieren und das Göttliche dadurch begrenzen. Eine Angst vor dem Ungewissen zeugt für mich nicht von tiefem Gottvertrauen, sondern vielmehr von einem Vertrauen in eine stabilie religiöse Praxis. Diese*r Gott ist nicht wild und wir sind es auch nicht, und das soll bitte so bleiben, weil wir Stabilität brauchen, im Außen.

Unweigerlich fällt mir dazu der Spruch ein, der Jeshua zugeschrieben wird, dass, wenn wir nicht umkehren und werden wie die Kinder, wir das Himmelreich nicht erleben. (Mt 18,3b) Kinder brauchen das Spielen. Es ist das Wesen eines Kindes, zu spielen. Das innere Künstlerkind muss spielen dürfen.

Nun klingt es etwas paradox, aber um in so eine Freiheit hineinzukommen, ist eine Art von Abhängigkeit nötig. Es ist aber die von der unerschöpflichen Quelle selbst, die wir immer wieder in uns hineinlaufen lassen müssen, durch Inspiration, innere Bilder usw.

Die Umkehr besteht also darin, von der Abhängigkeit durch Fremdurteile und Begrenzungen hin zu einer Abhängigkeit von Selbstannahme und Fülle zu gelangen:

Wenn wir uns, wie Julia Cameron im Kapitel „Den Fluss finden“ ausführt, zur spirituellen Abhängigkeit von dieser inneren Quelle hinwenden, die uns mit Möglichkeiten verbindet, die über uns selbst hinausgehen (was sie als Gott bezeichnet), erfolgt eine „Kehrtwendung“ – wir werden „uns selbst gegenüber aufrichtiger“ und „dem Positiven gegenüber offener“ ,“urteilen weniger über uns und über andere“, können „spontaner“ und befreiter leben, uns selbst „sanfter behandeln“ und andere werden sich „durch uns nicht so belastet fühlen“. Für mich ein Hinweis auf die christliche metanoia, die Umkehr, welche wir eigentlich benötigen – hin zur inneren kreativen Kraftquelle, die uns in einen heilsamen Aktivitätsmodus hineinführen kann.

(Auch Begriffe wie (christlicher) Anarchismus und Priesterschaft aller fallen mir dazu ein… und ich überlege, wie Gemeinschaften tatsächliche mündige alleindenkende und handlungsfähige Menschen hervorbringen können, und spüre, wie die Kunst uns da sehr große Dienste leisten kann, um uns wirklich dahin entwickeln zu können. Wiederum lässt sie sich nicht in eine Schema pressen, das gut kontrolliert werden kann – und genau das klingt für mich so nach Jeshua. Vielleicht könnte das Kirche helfen, wieder zu wachsen, wenn solche Themen wirklich in den Fokus rücken dürfen.)

Ich sehe, wie du wahrscheinlich längst bemerkt hast, das Prinzip mitnichten nur als etwas für „Kunstschaffende“, die also einem kreativen Beruf oder Hobby, wie mensch so schön sagt, nachgehen möchten. Sondern wenn wir uns Menschen als Wesen, die geschaffen und zum Schaffen bestimmt sind, dazu also, das kreative Wesen eines kreativen Gottes widerzuspiegeln, dann können wir das gesamte Leben als einen kreativen Schaffensakt betrachten. Alles Leben ist Kreiieren, weil immer etwas werden kann, was noch nicht ist, was aber als Idee schon irgendwo herumwabert, tief in uns drinnen schlummert, und zum Leben erweckt oder aus etwas bestehendem herausgeschält werden will. Geistliches Leben bedeutet dann wiederum, etwas Lebendiges zu kreiieren, was mit Hoffnung verbunden, mit Liebe durchtränkt, mit Vergebung durchzogen und von Güte geprägt ist.

Dass nicht mehr wir leben, sondern Christus in uns, kann dann bedeuten, dass nicht mehr das „ich sollte“, „man erwartet von mir“, „wahrscheinlich müsste ich mal“ usw unser Handeln und Sein bestimmen. Sondern ein „ich darf“, „ich träume“, bzw noch richtiger „Gott träumt durch mich wunderschöne heilsame Dinge in diese Welt hinein, die ich ins Leben rufen und ausführen darf“. Ich darf spielen, was die leise Stimme in mir singt, die das Leben in Person ist. Und ich darf mein eigenes Wesen, dass sowieso verbunden ist mit diesem Wesen, wenn ich es zulasse, ebenso herausbringen, darf einfach sein und tun, weil die Angst verschwunden ist, wenn ich mich wirklich geliebt weiß, mich selbst liebe.

Leider basieren viele gesellschaftliche Strukturen auf der Vorstellung, dass, wenn wir die Menschen noch mehr spielen, träumen, frei sein und herumalbern und einfach machen lassen, dann Schlechtes dabei herauskommen müsse, da der Mensch eben von Grund auf schlecht sei und daher Normierung benötigt. Vor allem auch unter Christen hat das leider eine lange Tradition und deshalb finden sich auch hier vermutlich viele blockierte Menschen.

„Die Abhängigkeit von dem Schöpfer in uns bedeutet wirkliche Freiheit von allen anderen Abhängigkeiten“. […] „Wir lernen jetzt, den Götzendienst aufzugeben – die vergötternde Abhängigkeit von anderen Menschen, Orten oder Dingen.“ „Stattdessen machen wir uns von der Quelle selbst abhängig. Die Quelle erfüllt uns unsere Bedürfnisse mit Hilfe von Menschen, Orten und Dingen.“

(In den biblischen Briefen finden wir das unter dem Stichwort „Gesetz der Freiheit“…)

Ich habe gemerkt- und auch in dem Kurs kommt es immer wieder darauf zurück- dass für diesen Weg ein durch und durch zugewandtes, wohlwollendes Gottesgegenüber unerlässlich ist. Das kreative Kind benötigt Zugewandtheit und Wertschätzung dafür, so sein zu dürfen, wie es ist und spielen zu dürfen, wie es spielt.

„Dadurch, dass wir angefangen haben, auf unser inneres Künstlerkind zu hören, hat auch dieses angefangen, sich immer sicherer zu fühlen.“

Da das einzige Medium, mit dem wir Gott wahrnehmen, letzlich doch wir selbst, unser eigenes Inneres, unsere Wahrnehmung, Auffassung, Ansichten, unser Leib, unsere Psyche, unser Erleben usw – ändert sich auch meine Wahrnehmung, Leiblichkeit, meine Blickwinkel, sobald mir in meinem Inneren kein strafendes, sondern ein wirklich wohlwollendes Gegenüber begegnet.

Wir brauchen als ersten Schritt dieses Prozesses, ein wirklich wirklich gütiges Gottesbild in uns zu kreiiren. Und das kann eine riesige Hürde sein, wenn mensch gewisse Prägungen und Gemeindeerfahrungen schon seit frühester Kindheit erlebt hat, die zwar einerseits immer von einem liebenden Gott sprechen, de facto, indem, wie Christen leben und konkrete Situationen beurteilen, aber doch immer wieder konstruiert wird, was aber dann doch noch alles wichtig ist, um so wirklich richtig nachfolgend zu sein, in den Himmel zu kommen etc. (Dazu ein anderes Mal mehr).

Eine riesige Hürde hinter sich lassen, bedeutet dann aber auch – einen riesigen Durchbruch zu erreichen, ein neues Land zu erkunden, in eine ungeahnte Freiheit hineinwachsen zu dürfen.

„Indem wir den Schöpfer in uns suchen und unser eigenes Geschenk der Kreativität umarmen, lernen wir, in dieser Welt spirituell zu sein; darauf zu vertrauen, dass Gott gut ist und wir und die gesamte Schöpfung es ebenfalls sind.“

Ich möchte dir vorschlagen, den Glaubensweg als einen kreativen Weg zu betrachten, der darin besteht, sich mit einem schöpferisch veranlagten Wesen zu verbinden, das große Lust daran hat, uns mit allen möglichen und unmöglichen kreativen Quellen in Verbindung zu bringen.

Und ja, das kann uns wegführen aus einer religiösen Praxis und einem komfortablen Orientierungsrahmen, in dem immer schon fest steht, was passiert.

Das Leben von Jeschua war äußerst kreativ und das vieler anderer Menschen ebenso, von denen in den biblischen Schriften oder anderen Büchern (z.B. über die Mystiker:innen) die Rede ist.

Es ging möglicherweise nie darum, sich einmal wöchentlich in eine nette Veranstaltung zu setzen und den Kopf etwas durchdenken, den Mund auch mal etwas nachzusingen zu lassen. Es war immer ein Unterwegssein im Ungewissen, Begegnungen mit Fremden, die zu Freunden wurden, Situationen, die ein Höchstmaß an Hingabe und hoffnungsvoller Fantasie erforderten. Und es ging um ein Glaubensleben voller kreativer Lösungsfindung (die natürlich auch anstrengend und aufreibend sein kann!), symbolträchtiger Poesie und purer buntester Lebendigkeit, mitten in Schmerz und Tragik.

(In dem recht jungen Liedtext „Leben“ von Tobias Wilhelm aus Münster gibt es die Zeile „Du stürmst mein Universum! Spritzt Farbe in den Tod!“, die genau das für mich sehr treffend ausdrückt und mich sehr bewegt hat).

Es geht um heilsames Spielen. Und wenn wir uns auf den Weg dahin machen, kommt die Gegenwart Gottes uns entgegen und taucht plötzlich hier und da auf und spannt Schnüre, wo wir uns gar keine vorstellen konnten. Wie aufregend, wie schön.

Das was wir, wenn solche Synchronizitäten passieren, als Wunder bezeichnen, ist laut Cameron eigentlich das Normale, und wird sich mit zunehmendem Gesunden des kreativen Selbst auch immer normaler anfühlen.

Für meinen durchgebeutelten Glauben ist es ein Lichtzeichen, ein großer Hoffnungsschimmer: Mit einem göttlichen Wesen unterwegs zu sein und daraus Kraft und Inspiration zu beziehen, muss kein Weg des Sollens, Müssens, des Vernünftigen, der Pseudo-Freiheiten sein.

Es kann ein Weg sein, auf dem nicht von vornherein beurteilt, beschämt, vorgegeben wird. Sondern auf dem sich eine innere, liebgewonnene kreative Kinderseele ins Außen befreien kann und hervorbringen darf, was da ist. Und in dem die Quelle so fest, der Brunnen so gefüllt wird, durch die Verbundenheit mit dem Strom, der uns alle verbinden kann, dass es auch völlig unwichtig ist, ob irgendwelche religiösen Positionen das aber anders sehen. Kreative (innere) Kinder an die Macht! 🙂

*Die Künstlerin ist natürlich genauso gemeint, der Einfachheit halber soll es hier mal bei der übersetzten Form belassen werden.

Die drei Brunnen II – Die Stille in mir

Auch die Kontemplationstrainerin und ehemalige Nonne Miek Pot hat über einen Brunnen geschrieben – der Brunnen der eigenen inneren Stille:

„Es ist wie im Märchen der Sprung in den Brunnen: Will ich aus meiner Lage entkommen, muss ich mich der Gefahr stellen. Ich springe in die Stille wie in einen Brunnen. Das, was sich auftut, ist dunkel, vielleicht leer. Vielleicht fängt mich dort nichts auf? Wenn ich nun auf dem Boden aufschlage? Zugleich öffnet sich im Abgrund eine neue Dimension, die sich zunächst nur schwer erkennen lässt: Ich lade die Angst an meinen Tisch. Ich setze mich der Stille aus. Und durch das Dunkel hindurch, durch die Angst führt der Weg auf die Blumenwiese meiner Seele, die nicht leer ist, sondern die schon immer bepflanzt ist und versorgt wird – auch wenn ich es nicht weiß.“

Das, was passiert, wenn die Stille (in Form eines Klosterbesuchs, einer längeren Zeit in der Natur, am Meer usw) gesucht wird, beschreibt sie so:

„Ich ertrage für eine Zeit, vielleicht auch immer wieder, das Alleinsein und nehme wahr, was die Stille mir sagen kann. Die Angst will mir einreden, dass ich dieser Situation ausweichen sollte. Es ist eine sehr alte Angst, eine kindliche Angst. Das Kind kann nicht allein überleben. Es kann nicht für sich sorgen. Dem Erwachsenen stehen demgegenüber ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Die Einsamkeit auf Zeit wird ihn nicht zerstören. Aber sie wird ihn mit einem Teil seines eigenen Seins in Verbindung bringen, den er, den sie bisher noch nicht ausreichend kannte. Wenn wir wirklich in Kontakt mit dem unendlichen, stillen Raum in uns kommen wollen, müssen wir zuerst bereit sein, uns selbst hiermit zu konfrontieren. Den Schatten bewusst zu leugnen oder nur zu negieren, würde bedeuten, den Weg nach innen zu versperren. Frieden kommt mit der Wahrheit. Diese beginnt mit der Akzeptanz der Wahrheit des Egos. Danach erhalten wir zugang zur Wahrheit der Stille hinter der Stille. Akzeptieren heißt, sich zu konfrontieren. […]“

„Sobald wir unserere Verteidigungsmechanismen bewusst sind, entsteht Raum. Raum, um die Spur zu wechseln. Wir stecken nicht mehr fest in einem bestimmten Abwehrsystem. Es entsteht Raum, der es ermöglicht Grenzen zu verlegen und alte Muster loszulassen.“

(Der zitierte Text ist dem Buch „Gib der Stille in dir Raum“ von Bettine Reichelt entnommen.)

Vielleicht boomen deshalb auch Selbsthilfe-Ratgeber, Meditation und Erholungsseminare… auch bei nichtfrommen Menschen. Weil es vielleicht nicht immer darum geht, irgendwelche Formeln zu einem konkreten Gott beten zu müssen. Sondern weil das göttliche sich manchmal genau darin zeigt, dass ich mir Zeit nehme, um mit meinen Schatten und meinen Lichtern einfach da zu sitzen und anstatt irgendetwas zu tun, einfach zu sein. Offen zu sein für das, was dann passiert. Vielleicht zeigt sich das Göttliche eben darin, Hoffnung zu haben, dass die Schatten ihren Schrecken verlieren, wenn sie einen Ort bekommen, an dem sie sein können. Und der Ort kann nur irgendwo in meiner Lebenszeit sein, ich darf ihn entstehen lassen. Und ich kann üben, auszuhalten, was passiert, wenn ich allein damit bin. Und ich kann beobachten, wie es sich verändert und wie ich mich lösen kann davon, wenn ich einen Ort habe, an dem ich es freilassen und spazieren gehen lassen kann.

Ich denke auch an Konzepte wie das der „Stillen Zeit“, welche mir persönlich einen unbeschwerten Zugang zu einem eigentlich schönen Thema vermasselt haben. Ich muss für mich andere Begriffe finden, um mich darauf wieder einzulassen. Und es geht ja gar nicht so sehr um tatsächliche akustische Stille. Selbst in einem leisen Raum höre ich meinen Atem. Und die Natur ist ebenfalls voll von Geräuschen. Und es geht auch nicht dazu, sich mit Bibelstellen oder Gebetsformeln direkt wieder in ein Rauschen zu begeben, mit denen das Eigene, Innere, unterdrückt und übermalt wird. Im Gegenteil – es darf hinaus, es darf sein, soll sogar.

Vielmehr ist also ein zur Ruhe kommen geschäftiger Aktivität gemeint. Eine Konzentration auf das Sein anstatt auf das Tun. Und vielleicht auch ein wertfreies Wahrnehmen.

Das was wirklich still sein muss, ist womöglich nur der „innere Kritiker“, ein Anteil, der uns ein schlechtes Gewissen machen möchte. (Und ja, ich nenne ihn auch gern den religiösen Kritiker). Denn das, was wir erleben, kann ansonsten auch etwas sein, was uns zerschmettert, wenn wir eher richtend oder wertend unterwegs sind (oder meinen, dass Gott so drauf ist). Für manche Menschen ist es deshalb womöglich besser, solche Stille eher unter Anleitung zu erforschen. Sich also hinterher von anderen auffangen zu lassen und zu reflektieren, was man vorgefunden hat.

Ich treffe mich seit einer Weile regelmäßig mit Freunden, um das Buch „Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“ von Dorothee Sölle zu lesen. Bevor wir lesen, praktizieren wir immer erst eine Übung , die sich Examen nennt (ein bisschen an Ignatius Loyola angelehnt, aber eher in der Version von C. Bello und K. Reschke) – eine Art Tagesrückblick, bei dem wir verschiedene Schritte der Stille vollziehen. Zunächst werden kraftspendende und danach energieraubende Momente erneut durchlebt und anschließend in sich hineingehört, ob wir Impulse dazu wahrnehmen (von unserem höheren Selbst, Gott, wie auch immer man es nennen möchte), zuletzt ist Raum für Dank. Obwohl es wahrscheinlich nicht so gedacht ist, teilen wir oft unsere Momente miteinander, fragen uns, ob wir Impulse dazu gehört haben, erzählen was passiert ist in diesen stillen Zeitfenstern, und häufig erlebe ich dabei, dass wirklich Gedanken und Gefühle transformiert werden. Ich habe damit einen neuen Zugang zum spirituellen Erleben gefunden, der für mich viel mehr wert ist, als irgendwelche dahingesagten Gebetsfloskeln.. ich bin dafür sehr dankbar und wünsche mir zu üben, auch allein solche Zeiten einzubauen, um diesen Zugang zu festigen.

Es ist bereichernd, was ich damit schon zutage fördern konnte – aber es kostet auch Kraft und vor allem Überwindung – mich darauf einzulassen, mich hinabsinken zu lassen in mein intensives Erleben, meine Empfindungen und Interpretationen.. oft kommen Impulse, die ich noch mitnehmen und länger bewegen und mich damit befassen darf. Es läuft eben oft nicht über plötzliche Wunder, sondern das Wunder besteht darin, auf lange Sicht den eigenen Charakter transformieren zu lassen. Und das kostet Zeit, Kraft, Überwindung und viel viel Übung und lässt sich häufig nicht komplett allein bearbeiten oder nur mit dem, was wir Gott nennen, ausmachen.*

Mich bewegt beim Beschäftigen mit diesem Thema, beim Nachdenken darüber, wann, wo, wie, wie oft ich in meinen inneren Brunnen springe, insbesondere der Gedanke an jene Menschen, die es nicht geschafft haben, das Hineinschauen bzw Hinabsteigen in die eigene Einsamkeit und die eigenen Funktionsmechanismen auszuhalten. An die, welche den Versuch aufgegeben haben und jene, die daran verzweifelt oder sogar zu Grunde gegangen sind.

Und dann denke ich an das Potential, welches darin eben auch liegt – wir können einen Weg nach innen finden, der zuvor verschlossen war und uns eine neue Freiheit schenken kann, wenn wir aus diesem Raum dann wieder heraustreten und uns der Welt erneut zuwenden.

Vielleicht ist damit ja der „schmale Pfad“ gemeint, den nur wenige finden (und die anderen eben womöglich erst im Jenseits)? Vielleicht ist er deshalb schmal, weil immer nur eine Person drauf passt – nämlich die, die ihren eigenen Weg zu einem gelösten Sein findet. Indem sie sich erlaubt, ganz mit und bei sich sein zu dürfen, so wie sie ist.

*(Zu meinen, mit einer einzigen gesprochenen Formel sei schon alles getan, sollte meiner Ansicht nach eher dem Aberglauben zugerechnet werden, was dem Umgang vieler Menschen damit wohl eher entsprechen würde.. Worte, im richtigen Moment dem richtigen Menschen zugesprochen, können natürlich sehr viel bewirken, aber nicht alles, was wir noch an Entwicklung vor uns haben, ist durch entsprechende gesprochene Worte oder Proklamationen irgendwelcher biblischer Verse zu bewältigen.. ich würde sogar denken, womöglich das wenigste. Für mich ist Gebet daher nicht an sich ein Zaubermittel, sondern eine Methode um in einen bestimmten Zustand zu gelangen, der aber auch anders zu erreichen sein kann. Doch dazu vielleicht ein anderes Mal mehr..)

„Life isn’t about…

…finding yourself, life is about creating yourself.“ (George Bernhard Shaw)

Dieser Spruch hängt seit einer Weile über meinem Schreibtisch.

Obwohl der Verfasser dieses Spruchs schon seit siebzig Jahren tot ist, steht dieser Spruch für mich für etwas, auf das sich viele Menschen erst langsam oder noch gar nicht einlassen können, was aber etwas sehr hilfreiches ist in meinen Augen – eine konstruktivistische Denkweise. Sehr oft wird das auch missverstanden, so als ob Konstrukte nicht wirklich im Sinne von wirksam seien… dann lieber an Überzeugungen klammern, die mir sagen ich könne herausfinden „wie es wirklich ein für alle Mal für alle gültig ist“. .

Und genauso leben viele auch ihren Glauben (Life is about finding faith…einmal den richtigen Glauben gefunden muss ich diesen nur noch behalten und dann ist alles gut..) und möchten auch ihr Gottesbild, ihren Gott, einmal für immer finden. In einem bekannten freikirchlichen Lobpreislied heißt „Wir wollen dich erkennen, wie du wirklich bist“. . an dem Punkt, wo ich mich jetzt befinde, kommt mir diese Bitte seltsam und von Gott so auch gar nicht erfüllbar vor. Im Gegenteil – Ich bin froh, dass Gott (?) mich durch mein Studium und Freunde an den Konstruktivismus herangeführt hat.. weil genau das mein Herz gegenüber verschiedenen Überzeugungen, Haltungen und Glaubensrichtungen weiter macht. Passender wäre für mich zu bitten „wir wollen erkennen, welche Vorstellungen von dir und Erlebnisse mit dir auf welche Weise in unserem Leben wirksam sind“. Oder „wir wollen dich noch anders kennenlernen, als unsere Prägungen es uns vorgeben“. (Klingt zugegeben etwas sperrig für einen Liedtext ;-)). Wir wollen dich sein lassen, wie du noch sein kannst… und uns eingestehen, dass wir dich auf eine Art zu dem machen an was wir glauben. Denn sonst gäbe es doch auch nicht so unterschiedliche Gottesbilder und Arten, den Glauben zu praktizieren.

Wenn ich mir anschaue, wie pluralistisch allein die christliche Glaubenslandschaft aufgestellt ist, wie verschieden da geglaubt, gedacht und gehandelt und verkündigt wird, ist mir die Vorstellung, jede dieser unterschiedlichen Gemeinschaften hätte einen kleinen Teil dessen, ‚wie Gott wirklich ist‘, begriffen, oder aber – eine Gruppe hätte nahezu alles davon erkannt, ein bisschen absurd.

(Ist letzteres der Fall, müsste ich mich ständig fragen, ob ich der bestmöglichen Gruppierung angehöre, den „richtigsten“ aller Glauben also gefunden habe.. und müsste die anderen in irgendeiner Form bekämpfen, abwerten usw. Ist allerdings ersteres der Fall, dann kann keine Gruppierung für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich mit Gott unterwegs zu sein, sondern lediglich mit einem Teil von ihm, und welcher, ist ihnen selbst womöglich völlig unklar. Wie kann so noch ein personales Du adressiert werden..?)

Für mich ist es naheliegender, es so zu beschreiben: Alle machen sich Bilder von Gott und keines entspricht dem, wie Gott „wirklich ist“, sondern das, was Gottes Wesen und Wirken ist, kann sich anhand der Bilder, die wir uns machen, entsprechend entfalten – oder eben auch nicht. (Ob das, was wir sehen, was sich entfaltet, wiederum von uns einem Gott zugeschoben wird, oder nicht, steht sowieso nochmal auf einem anderen Blatt).

Wie oft habe ich in Gebeten gehört, dass „Gott einen Plan für dein/mein Leben“ habe… und heute denke ich mir so – nein, sorry! Gott hat mir mein Leben geschenkt. (Indirekt, indem eine von mir als Gott bezeichnete Kraft bei der Entstehung menschlichen Lebens inspirierend anwesend war und ist). Und das doch aber eben nicht um dann damit zu planen. Ich bin nicht sein Humankapital. Geschenk ist Geschenk und nicht zweckgebunden. Und es geht auch nicht um mich. Es geht um Menschen an sich.

Wenn Gott tatsächlich einen Plan hat, dann doch wohl den allgemeinen, dass Menschen lernen, menschlich miteinander umzugehen.

Was ich dafür konkret in meiner Zeit, Gesellschaft, Situation, beisteuern kann – dafür brauche ich keinen Plan rausfinden, dafür brauche ich Persönlichkeitsentwicklung und Raum zur Entfaltung. Und ein Einlassen auf diese teife innere unbekannte Inspirationsquelle, die ich als göttliches Gegenüber sowohl rational als auch intuitiv lernen kann zu erfahren..

Das ist eine andere Herangehensweise, die von außen ähnlich aussehen kann, hinter der allerdings eine ganz andere Haltung steht. Für mich ist diese Haltung heilsam.

Mir hilft es nicht mehr, Bücher zu sehen oder Predigten zu hören, die Menschen erzählen, es gäbe eine von Gott angeordnete konkrete Berufung für sie, die es nur herauszufinden und zu erfüllen gilt. Manchen mag das helfen, andern aber eben nicht. Bei vielen Menschen machen solche Aussagen sehr viel kaputt und bauen Druck auf. Und für die braucht es andere Botschaften. Zum Beispiel die: Ich darf mich von Gott inspirieren lassen und mir meine Berufung durch einen lebendigen Prozess, der kreative Begegnungen mit diesem Gott enthält, selbst erschaffen.

Wenn ich zu etwas berufen bin, dann dazu, auf mich selbst zurückgeworfen zu sein und meinem Leben eine Bedeutung und Berufung zuzuweisen. ((Hashtag Existenzialismus). Ich darf schöpferisch tätig sein. Und muss das sogar. Hallelujah, Empowerment für alle! Sounds like Jesus to me.

Ich selbst darf herausfinden, was mir liegt, mich interessiert, mein Herz schlagen lässt, mich vital macht – und genau das darf ich dann tun. Und wenn ich etwas anderes tue, dann ist das so. Ich brauche nicht mehr meine Berufung herausfinden. Wenn ich am richtigen Fleck bin, werde ich das schon merken, weil mein Umfeld mir das spiegelt und weil mein Leben sich stimmig anfühlt. (oder im Christensprech: weil es gute Früchte hervorbringt, was ich da tue. Also weil es mich und andere nährt). Weil mein Handeln in Resonanz mit meinen Haltungen und Bedürfnissen und denen anderer ist.

Um noch einen Schritt weiterzugehen- ich darf mir meinen Glauben und mein Gottesbild konstruieren – ich muss es sogar. Alle tun das ohnehin. Jede Person, welche die Bibel liest, erzeugt mit dem Hintergrund, den sie mitbringt, Bedeutungszusammenhänge für ihr Leben – oder auch nicht. Und diese unterscheiden sich.

Für manche mag der Ansatz ketzerisch sein, für andere vielleicht überlebenswichtig – wir basteln uns einen Gott und einen Glauben, der uns entspricht. Und suchen uns eine Gemeinschaft, die dazu passt und basteln uns auch diese zurecht.

Und so wie manche eben (in guter alter Tradition) sich einen Gott kreiert haben (und den nun kämpferisch zu bewahren versuchen), der bestimmte Eigenschaften hat (wie z.B. männlich) und bestimmte Menschen vom Glauben ausschließt, kreire ich mir eine:n, der:die für alle Menschen da ist und vielleicht ganz anders ist, als ich es mir bisher vorgestellt habe. (Ob ich den noch kämpferisch bewahren muss, überlege ich mir noch 😉 Ich hoffe nicht.)

Beispiel: So, wie Paulus an einer Stelle gerafft hat (was wäre passiert, wenn nicht?!), dass auch nichtjüdische Menschen zur Familie Gottes gehören können, und nicht nur Juden, so ist es vielleicht an der Zeit, zu überlegen, ob auch nichtchristliche Menschen dazu gehören können… ?

Fazit: Inwiefern darf, kann und muss sich Glauben und unser Bild davon, wie Gott ist, ändern, um heute wirklich heilsam für Menschen sein zu können? Wie lassen wir Gott sein, wie lassen wir Gott nicht sein?

Gott ist Mensch geworden, Gott ist gestorben, also liegt doch die Vermutung nahe- eine Änderung seines:ihres Zustands scheint nicht unbedingt das Problem zu sein – außer für uns Menschen…. ?!